6aus49 – Die NÄCHTE (Nr. 1 u. 2)

6aus49 – Die NÄCHTE (Nr. 1 u. 2)

Die Nacht hat 1000 Augen. Toller Noir Film mit Edward G. Robinson, aber doch nicht so gut wie der Titel. Wer blickt denn da mit tausend Augen? Meist wir selbst auf uns. Tragen einen Anzug mit Augen wie einst Freddy Mercury. Aber wie oft ist, was die Nacht an Exzess und Lust und Klarheit brachte, im Hellen betrachtet banal und leer? All die besoffenen Entscheidungen oder die bekiffen Erkenntnisse – am Morgen bleib nur ein Zettel mit unverständlichem Gebrabbel und Erinnerungen an ein Gefühl, nicht das Gefühl selbst.

In der Nacht ist unser Denken entweder wild und klar oder ganz abgeschaltet beim Tanz bis in den Morgen, da regiert uns das Unbewusste in Träumen oder es quälen To-Do Listen und Sorgen in der Schlaflosigkeit. Oder wir sind nicht allein in unserem Bett und finden für ein paar Stunden zusammen im Dunkeln Klarheit. Die meisten Nächte sind einfach nur nötig und scheinbar sinnlos und versinken ohne Erinnerung zwischen den Tagen.

Um zu spüren, was Angst ist, was richtiges Alleinsein bedeutet, wie es für die vielen zehntausend Jahre gewesen sein muss, bevor erst Feuer dann der Strom kam, dafür müssen wir raus in die Natur unter den Sternen oder an einem tosenden Meer oder auf einem Berg in Stille und Nacht sitzen und hören, ahnen, zittern und den 1000 Augen begegnen.

Ich habe die Nacht so geliebt wie genossen für sicher 25 Jahre. Und dann kamen meine Kinder. Ende dieses Lebens, Anfang eines neuen. Für etwas „Nachtleben“ stand ich eine Weile um 5 auf, lesen, schreiben, den Tag erfassen. Dann Programm abspulen. Und leider fast nie vor Mitternacht ins Bett. Mich hält bis heute abends eine seltsame Unruhe wach, als würde ich etwas verpassen – als würde ich mein Leben verpassen, wenn ich um 10 ins Bette gehe.

Die Nacht ist bis heute der Ort geblieben, wo ich näher dran bin. An mir, am Text, am kränkelnden Kind in meinem Arm, an meiner Frau oder den Gedanken um und über alles mögliche. Sechs + eine Erinnerung an Nächte, die bis heute etwas bedeuten.

Die ZAHL 1
BERGHÜTTE, Zillertal Ende der 90er
Weil die Diplomarbeit anstand, und weil Berlin mit seinen 1000 Verlockungen und den 1000 nächtlichen Augen und Ablenkungen für einen undisziplinierten Menschen wie mich die größtmögliche Herausforderung darstellte, und weil ich die Berge liebe und weil mein Vetter eine Hütte im Zillertal hatte, die 10 Mark am Tag kostete und fernab vom Dorf auf einem Berg stand – fuhr ich im Sommer 1998 mit dem Zug dorthin. Um zwei Wochen konzentriert nur zu Lesen und zu schreiben. Allein. Ohne Handy (hatte ich nicht). Ohne irgendwas und irgendwen. Im Rucksack nur 15 kg Papier, Bücher in zwei Taschen und Bergausrüstung.

Mein Diplomthema drehte sich um Religion in den USA – in ihrer politischen Form. Wie nutzen Politiker die alten Erzählungen für ihre Zwecke, – auch für politische Religionen wie den Kommunismus oder den Nationalsozialismus. „Was ist Religion“ wollte ich am Anfang und da auf der Hütte klären. Vermessen. Viel zu groß. Aber ich dachte wohl, „Aim high, and you won’t shoot your foot off“.
So manche Selbstüberzeugte hatte ja da in der Einsamkeit seine Begegnung mit Gott oder dem Teufel oder der Essenz des Seins. Moses mit einem brennenden Busch in der Wüste genauso wie Jesus in der Wüste nach 40 Tagen fasten und kurz vor seinem ersten Auftritt, wie Buddha unter einem Baum oder Mohammed auf einem Berg oder wie mancher in der Wüste von New Mexiko von Ufos entführt wurde. Der Mensch ist nicht gern allein, aber es scheint ihm gut zu tun, wenn er etwas schaffen will – oder vorhat, wahnsinnig zu werden. Auch wahnsinnig erfolgreich.

Ich hörte einmal auf dem Berg angekommen dann zwei Wochen viel Ö3 Radio im kleinen Batterieradio, um nicht mit mir selbst zu reden, machte aufwendig lange Einkaufswanderungen ins Tal, um nicht nur in der Hütte zu sitzen, erklomm die umliegenden Gipfel und las abends Romane. Die Hütte hatte kein Bad, nur einen Viehtrog vor der Tür, keinen Strom, nur Gaslampen und einen Holzofen zum Kochen und Heizen. Hätte ich ein Handy gehabt und schon flächendeckend Internet, Netflix, Mails, WhatsApp, Insta… ich wäre wohl nie fertig geworden. Ich hätte vermutlich nichtmal angefangen. Das gelang dann aber zu Glück.

Die Nächte allein auf einem Berg sind seltsam. Urängste steigen auf in der Dunkelheit und fast absoluten Stille. Was, wenn Tiere kommen (welche denn, fragte ich mich morgens im Hellen dann immer), was wenn „jemand“ kommt (warum? um Emil Durkheim Arbeit über Formen religiösen Lebens zu lesen?), was, wenn ich nicht einschlafen kann? Was mir immer gelang. Dennoch die Angst hervorgerufen durch die Abgeschiedenheit, der ich durch Schlaf eine Weile entkam.
Nach etwa zehn Tagen ereignete sich diese Nacht, die – wäre ich ein bisschen schlafloser, sendungsbewusster und irre – zu meiner Epiphania hätte werden können. Dann würde ich jetzt entweder auf einer Kiste an einer Straßenkreuzung stehen oder hätte eine Megakirche gegründet und wäre ein reicher Mann.

Den Tag hatte ich in der Hütte verbracht und geschrieben, während die ersten noch entfernten Donner durch Tal liefen. In den Rauchpausen ging ich auf dem Balkon mit Blick ins Tal. Die Blitze stießen auf die Gipfel wie Finger. Als es dämmerte, zogen Wolken ins Tal, die unter mit lagen, wie eine weiße Decke über das Dorf geworfen. Da schlug ein Blitz waagerecht über den Himmel, einige Kilometer lang. Als würde die Schale um unsere Erde zerbrechen und wir augenblicklich alle ins All gesaugt.
Dann folgte ein Donner, der für Sekunden alles erzittern ließ und durchs ganze Tal rollte. In den nächsten Minuten zogen die Wolken hoch und höher und hüllten bald die Hütte und mich darin ein. Alles war dunkel und vollkommen still. Wenn ich die Gaslaterne auf dem Balkon hochhob, reflektiere der Nebel nur ihr Licht zurück. Meine Stimme klang, als ob ich in einer Kiste läge. Ich konnte vor der Hütte stehend nichts sehen, machte ein paar Schritte hinaus auf die Wiese und hört nur das Rauschen in meinen Ohren und meinen Herzschlag. Ich drehte mich um und ging zurück als da ein Zischen und eine Stimme hinter mir war. Die Haare auf meinen Armen in im Nacken stellten sich auf. Ich drehte mich nicht um, ging hinein, verschloss Türen und Fenster, konzentrierte mich auf das Knistern des Lichts und rettete mich in Gedanken.

Es entstand in der Nacht eine Kurzgeschichte, die alles in sich trug, was ich so an falschen Entscheidungen, Trennungen, Illusionen und Lügen in den Monaten und Jahren zuvor angesammelt hatte. Kaum lesbar heute, voller Metaphern und doppelten Bedeutungen, Anweisungen und Heulsusereien. Zeugnis eines wirren Geistes, eines Suchenden, der aber so etwas gefunden hat. Wenn auch nur eine Form, noch nicht den passenden Inhalt. Zum Glück hörte ich in der Nacht keine Stimmen in meinem Kopf oder hatte gar eine Begegnung der dritten Art. Ich begegnete nur meinen eigenen Dämonen, stand an den Abgründen des Innern. Als es hell wurde, die Sonne hinter dem Gipfel links aufging, traf ich eine noch heute richtige Entscheidung und legte mich schlafen.

Die ZAHL 2
Café Schwarzsauer, Berin, div. Nächte

Wieviele Jahre von den bald 50 ich zusammengerechnet in irgendeiner Kneipe verbracht haben mag. Ein halbes Jahr dürfte es sicher gewesen sein. Begonnen mit 16, als es noch ein Kneipenviertel in Dortmund gab und als man als junger Mensch auch noch in Kneipen ging, statt nur zu Haus zu trinken. Wir waren jedes Wochenende im Treibhaus, in der Galerie, im Schaf und soffen Brinkhoffs oder hockten in den Freistunden im Grammophon neben der Schule. Ich habe in den folgenden Jahren zahllose welterklärende, wirre, witzige Gespräche an den Tresen auf drei Kontinenten geführt, dazu zahllose trübe, lüsterne, traurige, wirre, suchende und leere Blicke verteilt und erhalten. Die Nacht macht wach und wild. Der ungeplante Exzess, die Straße nach Süden. Die Debatten schienen Jahr für Jahr wilder und zugleich vergeblicher bis sinnlos zu werden. Aber sie schufen hunderte herrliche Abende.

In Berlin zu Becks im Delicous Doughnut oder Hackbarths oder bis in die früh im Schwarzen Café tief im Westen – oder eben, meist ganz am Ende, hinter dem Ende eigentlich, im Schwarzsauer auf der Kastanienallee. Da fand immer der letzte Versuch statt, sich einen Reim auf all das da draußen und hier drinnen zu machen. Heiser gesungene katalanische Straßensänger, Volksbühnenprominenz, Suff- und Laberköppe, kritzelnde Dichter und Erste Dates und allerlei Vor- und Nachglühleute saßen hier, ob um 11, 1 oder 4 Uhr oder wenn dann wirklich alle losmussten – und noch einen letzten nahmen.

Das Schwarzsauer bis heute der letzte verlässliche Ort eines schon mehrfach untergegangenen Prenzlauerbergs: vor der Wende nur eine graue Ecke, nach der Wende schnell wilde Meile und das Schwarzsauer erstes Haus am Platz. Nach Gentrifizierung und Verbürgerlichung der letzten 15 Jahre immer noch da. Zusammen mit dem „Lass und Freunde bleiben“ etwas weiter, hab ich nie einen Laden so sehr dafür geliebt, dass er es schafft, unmerklich die tagsüber gelingende Caféhausatmosphäre ab der Dämmerung in eine ebenso gelungene Barstimmung zu verschieben, eine solche Unruhe in einem zu schaffen und Erwartungen an die Nacht zu wecken, dass man sitzten bleibt. Oder geht und wieder kommt.
Die Nacht der 1000 Augen – hier gab es sie ganz wörtlich durch all die Leute und Leben, die im Laden saßen im Verlauf eines Abends und einer Nacht. Und all die Menschen, die vor dem großen Schaufenster auf dem Gehsteig vorbeiliefen, die man nie wiedersehen wird, nie treffen wird, es sei denn man steht kurz auf und lädt zu einem Drink ein oder wird eingeladen. Einen noch, komm, wird gleich hell.

Zahlen 3-6 + Superzahl folgen...

6aus49 – DIE Platten (Teil 2, Nr 3-6 +Superzahl)

6aus49 – DIE Platten (Teil 2, Nr 3-6 +Superzahl)

Intro und Platten 1 & 2 sind hier…

DREI
PJ – Ten & Vs. (1991 & 1993)
Ich kann die beiden ersten Platten von Pearl Jam nicht trennen, weil sie auf einer TDK90 Cassette in meinem Walkman im ersten Berlin-Winter immer liefen. Immer. Mit Once raus aus der kalten Hinterhofwohnung, über mir graubreiiger Himmel, mit Why Go entlang siffiger Schöneberger Straßen, vorbei am blinkenden Gasometer, dann zu Porch rein in die S-Bahn und raus zur Uni – teigige Gesichter in Schals gewickelt bei Minus 15 Grad. Alive war ich zwar, aber mies drauf…

Irgendwann im Februar oder März, nach über 40 Tagen ohne Sonnenschein (ein Freund hatte mitgezählt), fing ich plötzlich im Supermarkt das Heulen an. Winterdepression kannte ich bis dahin nichtmal als Wort. Danach war klar, ein Gegengewicht muss her. Und scheiße, ich wohn doch in Berlin. Also mehr raus, mehr Delicious Doughnut Club, mehr Kellerbars durch Löcher im Boden zu betreten, mehr Becksbier und weniger Schlaf. Und Pearl Jam lauter hören. Therapie glückte.

Wegen dieser zwei Platten bewarb ich mich ein Jahr darauf für ein Auslandsjahr in Seattle – das ich bekam – voller Hoffnung natürlich, PJ in ihrer Heimatstadt live zu sehen. Die spielten dann mit neuer, fantastischer Platte No Code (immer noch die beste von allen!) in der Deutschlandhalle in Berlin („Umjubelte Antistars“ titelte Das Neue Deutschland) und ich lauschte dem Konzert in der Küche des Hauses in Seattle. Erst 2000, open Air Wuhlheide endlich live… und dann immer.
Funfact: Chris Cornelis Band Soundgarden, die sich mit PJ später den Drummer teilte, löste sich just auf, als ich Karten für ihr Konzert in Seattle hatte. Die sah ich schließlich vor ein paar 100 Leuten in Dortmunds FZW zur Reunion 2012.

VIER
Frank Sinatra, diverse (1970&80er)
Verbunden, wie könnte es anders sein, mit meinem Vater. Der hörte ihn. Und Fast Domino. Und Louis Armstrong. Das war die Musik seiner Jugend nach dem Krieg. Von Rock’n’Roll wie den Stones oder den Beatles gab es bei uns keine Platten. Dafür aber auch keine Schlagersscheisse.
Ohnehin spielte Musik keine große Rolle bei uns, mal abgesehen vom sonntäglichen Klassikpotpourri, das meine Mutter auflegte oder irgendwelchen Hit- oder Partysamplern, die man auf den vielen, sehr vielen Feiern bei uns zu Hause zu Pils und Schappes auflegte. 
Und irgendwann nach 2 Uhr auch Sinatra. Die „New York New York Platte“ (Trilogy: Past-Present-Future) natürlich, an der seit 1980 keiner vorbeikam. Da war Frank schon 64, die Platte mit all den Evergreens gehören eigentlich zu seinem zweiten, bis dritten Comeback. Power und Melancholie in Franks Stimme gepaart mit dem eigenen alkoholbedingte Schwermut nach dem Exzess machen diese Platte zum perfekten Abend-Abbinder.
Für meine Eltern damals – wie für mich heute – kam dazu wohl die leise Ahnung, dass die Zeit, die hinter einem liegt definitiv länger ist, als die Zeit, die noch vor einem liegt. Auch darüber singt Franky ja. It was a very good year. Dieser tolle Song ist zwar auf einer anderen Platte, aber für mich die Essenz des späten Sinatra.

FÜNF
Jackie McLean, It’s time (1964)
Ja, der Jazz. Altherrenmusik. Geliebt auch von Leuten, die so verengt Musik hören, dass sie fast alles jenseits von Jazz – und auch, was im Jazz nach 1970 (Miles Davis Bitches Brew Album) passierte – nicht interessiert. Leute, die endlos über Fingertechnik oder Aufnahmesysteme oder Synkopen erzählen und dabei ihre Goaties zwirbeln. Klischees ihrer selbst. Lehrer hören Jazz.

Jazz war aber mein Punk – nur ohne Lederjacke. Genau so wild und frei und im Moment wie Pistols oder Ramones – nur vielleicht nicht so dreckig und laut. Das offensive „DagEEEEgen!“ hatte der Jazz nicht. Dafür ein etwas abgehobenes „Fuck Off“, das mir gefiel. Nämlich „Fuck off, wenn ich es dir erklären muss, wirst du es eh nie verstehen.”
Jazz war den meisten Bekannten und Freunden nichtmal interessant genug, ihn scheiße zu finden. Für mich öffnete er kulturell Türen zu Literatur und Filmen der 50er & 60er Jahre, zur Afro-Amerikanischen Kultur und sogar zum Blues, den ja eigentlich kaum jemand unter 30 hört. Ich spielte mit 20 sogar in einer Blues Band (für Jazz war ich nicht gut genug). Und selbst HipHop, der mich damals nie packte, konnte ich über den Umweg des Jazz (Jazzmatazz, Spike Lees Mo Better Blues, Us3, MS Solar, The Roots) ertragen.

Meine CBGB Momente waren 1989 zwei Sets im Village Vanguard und eine Session im Smalls in New York, wo ein paar 14-19 Jährige einer nach dem anderen für ihr Solo auf die Bühne gingen – und j.e.d.e.r einzelne alle Musiker, Profis und Amateure, die ich bis dahin in deutschen Clubs so hatte spielen sehen, in nur 8 Takten erledigt hätten. Danach fuhren wir jedes Jahr aufs North Sea Jazz Festival in Den Haag und gingen Plattenkaufen, begannen Instrumente zu spielen und trugen sogar mal Westen.

Jackie McLean entdeckte ich wie das vierblättrige Kleeblatt in einer Kleewiese erst vor einigen Jahren. Aber als ich sein Art Saxophon, seine Stücke und die Improvisationen hörte, wusste ich es: Das ist er – mehr sogar als Coltrane oder Stitt, Rollins, Adderley oder Carter – das ist mein Sound. Frei und harmonisch, zeitweise am Free kratzend, dabei so hard wie blues aus Bird Parker und Branford Marsalis. McLeans Platten laufen immer, wenn ich nicht weiß, was ich hören will oder nicht weiß, was was gerade los ist. Danach ist’s wieder klar: It’s time!

SECHS
Radiohead- Ok Computer (1997)
Noch ein Beleg dafür, dass prägende Bands lang an einem vorbeigehen können und dass da draußen Musik existiert, in die man eintauchen könnte, die fantastisch, klug, vielseitig, bewegend, politisch und komplex ist, die man lieben kann – aber von der man NICHT weiß. Und ein Beweis, dass prägende Musik immer auch mit prägenden Lebensphasen zusammenfällt.

93 hörte ich Creep bestimmt auf Studentenparties. Aber da lief ja viel Indiezeug oder Crossover und bemüht rebellisches Zeug. Auch das zweite Radiohead Album – nie bewusst gehört. Erst Ok Computer, wie so oft eine Empfehlung von den Besserhörern in meinem Umfeld, schlug die Tür auf. Und die ist nie wieder zugegangen.
97/98 war dann aber eben auch persönlich Umbruch, Studium zu Ende, Beziehung zu Ende, Reise back to Seattle, back to some old Love Affairs, scheißteure Telefonate mit Hongkong von Münzfernsprechern an irgendeinem Motel und dabei Ok Computer im Ohr.…Paranoid Android – das war ich. Und With no alarms and no surprises wäre ich gern gewesen – stimmungsmäßig.
Neben Pearl Jam (siehe oben) und Arcade Fire (Gründe siehe hier) ist Radiohead vermutlich die dritte Band, deren Werk ich auf die einsame Insel mitnehmen würde.
Unvergessen das Konzert am 11. September 2001 in der Wuhlheide, wo es mangels Handys für alle eine Menge Zuhörer gab, die noch gar nicht wussten, was passiert war – und dann von Thom Yorke und Band durch einen sehr seltsamen Abend begleitet wurden. „Nichts, aber auch gar nichts gibt es zu sagen“, meinte York bloß Und dann meinten Radiohead, dass egen Trauer und Wut  nur reiner Rockrausch helfen. Und den gab es.

SUPERZAHL
Message in a Box – The Complete Recordings of The Police
Supersuperschwer diese Auswahl. Am Platten und CD Regal gehe ich erst gar nicht vorbei, weil dann werden zig unmögliche Entscheidungen nötig. Also einfach Erinnerungen und Namen kommen lassen. Und dann geht kein Weg vorbei an dieser Band. Eigentlich das einzige Trio jenseits Jimmy Hendrix, Nirvana und ZZ Top, das mit 4 oder 5 Leuten auf der Bühne nur verloren hätte.
Stewart Copeland ist für mich als Ex-Drummer Gott gewesen. Genau die Kombi aus technisch genial, dabei voller Stil und Kraft und eigenem Sound und Kopf und musikalischem Verständnis. Mit Sting als Songschreiber und dieser großen Stimme und Andy Summers als stilles Genie an der Gitarre.

Ich mag von Police alle Alben und jeden Song – und musste doch wie bei so vielen Bands (REM, Genesis, Level 42, Simple Minds …) als Jungspund erstmal feststellen, dass sie schon länger Platten machten – Platten, die mir dann sogar meist besser gefielen als die Platte, mit der ich sie kennenlernte. Bei Police war meine erste ihre letzte LP: Synchronicity.

Die VHS Cassete von einem Konzert der dazugehörigen Tour habe ich Jahre später zig mal gesehen bei dem Versuch Copeland seine Drum Breaks und Hi-Hat Zaubereien zu entlocken. Zu dem Konzert 1983 in der Westfalenhalle hat mich aber leider keiner meiner Geschwister mitgenommen. Was wohl aus mir geworden wäre? Vielleicht wäre die Matt Bianco / The Curiosity Killed The Cat-Popper-Phase an mir vorbeigegangen und ich hätte ohne Umwege Qualität und Eigensinn in der Musik gesucht statt im Mainstream mitzuschwimmen.

Bis ich so 87/88 ans Ufer gespült wurde und von da an zu Fuß gegangen bin – mit vielen guten Scouts im privaten Umfeld und Entdeckungen auf nächtlichen Autofahrten im Radio und Plattenverkäufern mit Ahnung. “Mein System kennt keine Grenzen“, sangen Blumfeld. Und so höre ich schon immer Musik.
Falls Musikgeschmack einen Charakter spiegelt, dann bin ich dort wie hier genau der neugierige Allrounder ohne Spezialwissen. Ich will das gleiche Feeling immer wieder und dann doch was Neues, ich will überrascht werden, aber auch bestätigt, ich will mal umgehauen werden und wieder aufstehen und mal in einem roten Sessel sitzen und nur zuhören.

In den 49 Jahren stecken noch mindestens 6×6 Alben von:
Talk Talk, Neil Young, Jack Johnson, The Dandy Warhols, Noir Desir, The Frames und Glen Hansard, Calexico, Sade, Michael Jackson, Ani di Franco, The National, Bronski Beat, Catpower, Fink, Pino Daniele, Herbert Grönemeyer, Hothouse Flowers, Arcade Fire, Tricky, Prefab Sprout, Morrissey, U2, Bonnie Prince Billy, Modest Mouse, Falco, Modest Mouse, Hayden Bruce Springsteen, Damien Jurado, PJ Harvey, Grandaddy, Billy Idol, Alanis Morissette, The Eels, Lenny Kravitz, Elton John, Nick Cave, Mogwai, Fiona Apple, Benjamin Biolay, Dead Can Dance, Oasis, Blur, Brand New Heavies, Supergrass, Frankie Goes to Hollywood, Paul Weller, The Verve, Björk, Portishead, Massive Attack, David Bowie, LCD Soundsystem, Bob Dylan, Miles Davis, Joshua Redman, Tilmann Rosmy, 16 Horsepower und David Eugene Edwards, Metallica, Rachmaninov, The Doors, Maceo Parker, und Steve Reich, Living Colour, Red Hot Chilli Peppers, Sceaming Trees, Nirvana, Smashing Pumpkins, The Tea Party, TAD, Rage against the Machine, Madrugada, The Stone Temple Pilots, Simply Red und Tori Amos.

6 aus 49 – Die Platten (Teil 1)

6 aus 49 – Die Platten (Teil 1)

INTRO: Kurz vor meinem 50sten und mit einer Lottoscheinmetapher im Kopf entstand die Idee: 6 unterschiedlichste Dinge vorzustellen, die für mich in den vergangenen 49 Jahren wichtig waren. Alle Details hier.

Musik war früher wichtiger als heute. Damals sortierten sich ganze Cliquen und Untergruppen und Szenen entlang von musikalischen Linien. Gibt es heute sicher auch noch, aber mit ganz viel Fusion und Überschneidung und noch mehr „Kenn ich nicht.“ Sagt der alte Mann…
Kenn ich nicht, gab es für 70er/80er Musikfans fast nicht. Man kannte, was es gab, alles was bei Life Music in der Dortmunder Innenstadt im Plattenregal der Neuheiten stand, alles was Mal Sondocks Hitparade spielte, alles bei Formel Eins und für die Nebensektionen was in den Abendprogrammen im Radio lief – in seiner ganzen Breite von Yello bis Motörhead. Wer Musik mochte, hörte sie (erstmal noch) nicht nebenbei, während er am Handy Nachrichten schrieb. Intensivste Musikhörerlebnisse stammten vom zu Haus auf dem Teppich liegen und hören. Erst der Walkman macht dann das eigene Leben zum Film mit Soundtrack.

Musik hat bei mir Menschen sortiert: Ich konnte nicht mit jemandem zusammen sein, der Modern Talking hört, aber auch auf keinen Fall mit einer, die Reggae mag. Wer Wave hörte oder Punk, hatte eigentlich immer ältere Geschwister und damit einen frühgereiften Musikgeschmack, der mich verunsicherte. So jemand verfügte über eine Art Geheimwissen. Wer aber mit 16 schon Rock hörte oder Schlager cool fand, war zu sehr wie seine Eltern. Und wer mit Talk Talk oder Talking Heads nichts anfangen konnte, hatte auch später nur geringste Chancen, Musikgeschmack zu entwickeln. Das waren so meine zarten Erkenntnisse.

Wie bei 9/11 oder als die Berliner Mauer fiel, weiß ich genau, wo ich war, als ich eine bestimmte Platte zum ersten mal hörte: Stings Dream of the Blue Turtles, geliehen von Daggi, auf meinem braunen Teppich im Kinderzimmer, kühl war es, draußen aber Sonne, es sollte Königsberger Klopse geben. Dazu passt Meat is Murder von The Smiths, geliehen von einem Nachbarsjungen (mit älterem Bruder) und zum ersten Mal oben auf der DUAL Anlage meines Vaters gehört. Ich wusste sofort, das ist besonders, konnte aber mit Morrissey Stimme noch nichts anfangen. Nirvana, Smells Like Teen Spirit: Im Auto auf der Fahrt nach Hause nach einer Nachtschicht, Durchstraße Dortmund, Fahrtrichtung Höchsten – den dunkelgrünen Golf von Mutter angehalten, bis das Lied zu Ende war. Sprachlos. 5 Jahre später habe ich in Seattle gewohnt.

Vielleicht ist meine musikalische Beschränktheit/Faulheit/Arroganz heute auch bloss Überdruss. Hab alles, was ich brauche, könnte problemlos nie wieder neue Musik hören. Alterserscheinungen… Oder weil die aktuelle Musik unerträglich ist. Oder weil ich bei gelegentlichen Netz/Spotify/Zeitschriften Recherchen das Alherrengefühl dominiert: Alles schon besser gehört.
Vermutlich deswegen, und weil Musik einen macht, wenn man noch formbar ist – also so bis 25(?) – sind die Mehrzahl der Platten auf dieser 6aus49 plus Superzahl Liste im letzten Jahrhundert erschienen. Ich könnte aber sicher zwei Wochen lang jeden Tag 6 andere nennen, die auch wichtig waren oder sind…aber so ist Lotto.

 

EINS
Tocotronic-Pure Vernunft darf niemals siegen (2005)
Die erste Platte, drei Jungs mit Diskurs-Langhaarfrisur und Trainingsanzügen hatte ich 1996 bei WOM am Kuhdamm in Berlin in der Hand. Reingehören – zögern – was IST das? Durchhören, irgendwie besonders, aber nö…

Dennoch nie vergessen können, was ich da gehört hatte.10 Jahre dauerte es trotzdem: 2005 erschien Pure Vernunft darf niemals siegen. Zuvor hatten Tomte mit Hinter all diesen Fenstern meinen Widerstand gegen deutschen Rock/Pop gebrochen. Dieses Tocotronic Album brauchte auch keine Hilfe mehr von meinen frühinfizierten Freunden, die mir seit Jahren mit Blumfeld und Begemann in den Ohren lagen. Vom ersten bis zum letzten Song ein Treffer: Musikalisch, textlich, atmosphärisch. Unvergessen das Neujahrskonzert am 1. Januar 2005: Tocotronic spielt in der Volksbühne und Dirk von Lotzow heiser, verkatert und stimmwacklig am Anfang. Es wird ein unvergessenes Erlebnis für unsere von der Nacht noch lädierten Hirne und halb geöffneten Herzen and diesem ersten Tag des Jahres.

Seitdem gehören diese Platte und die Tocos so sehr zu meiner musikalischen Sternenkarte, als hätten sie schon immer da oben gefunkelt. Das „Sag Alles Ab“ T-Shirt habe ich seit Jahren immer an, wenn es drauf ankommt.
(Weitere Lieblinge Ja, Panik, Kante, Niels Frevert, Sophie Hunger, Peter Licht, Die Sterne, Gisbert zu Knyphausen)

ZWEI
Simple Minds – Once upon a time (1985)
Handgeschrieben hatte ich alle Texte damals geschenkt bekommen von meiner ersten, ja, Teenagefreundin. Sehr unschuldig wir beide. Ihr älterer Bruder war ein Simple Minds Fan, dadurch sie, dadurch wurde ich einer. Besonders „Whish you where here“ hob sie hervor. Die Botschaft kam an. Ich muss die Platte bis heute hunderte Male gehört haben, und es ist immer noch die einzige LP, von der ich alle Texte auswendig kenne. Es folgen tolle Konzerte, u.a. Westfalenhalle, Steilkurve mit 100erten Fans drauf, darunter wir, stürzt bei Hüpfen und zu Alive & Kicking ein. Kurze Unterbrechung des Konzers, dann geht es weiter… die wilden 80er, aber mal in echt.

Das Live in the City of Life Album war in heavy rotation auf meinem Plattenteller. ich erschloss mir die Vorläufer New Gold Dream und Sparkle in the Rain und malte das Simple Minds Logo mit goldenem Lackstift auf Schulhefte und Rucksäcke.
Aber als vier Jahre später das neue Album erschien, waren Jim Kerr und Kollegen für mich schon eine Weile vorbei. Die Jugend war damals offenbar genau so schnelllebig und flatterhaft wie heute. Und die Freundin gab es da auch nicht mehr.
Simple Minds ist in meiner Vita eine der wenigen Bands, die bei Gesprächen über Musik von 80er Zeitgenossen, die schon damals musikalisch viel sicherer reisten als ich, als auch von Mainstreamern zumindest immer ein Okay bekomme. „Okay, die waren gut.“ Meine zeitweiligen musikalischen Irrungen (ich sag nur Popper! – bis der Jazz kam), die nach Simple Minds eine Weile folgten, werden so wenigstens etwas aufgewogen. Danke Eva.

Die Platten 3-6 + SUPERZAHL im nächsten Teil…

Reihe: 6aus49 – Die Zitate (Zahl 1 bis 3)

Reihe: 6aus49 – Die Zitate (Zahl 1 bis 3)

Kluge Frauen und Männer gibt es viele. Witzige nicht ganz so viele. Und ganz wenige, die es zusammenbringen. Und dann gibt es die tollen, mies gelaunten Schweremüter, die klar sehen. In den vergangen fünf Jahrzehnten hingen immer wieder mal Zettel über meinem Schreibtisch mit Zitaten oder Aphorismen oder dummen kleinen Insider-Sprüchen, denen es gelang, dem Leben und Sein eine Erkenntnis abzuringen und über zwei oder auch mal fünf Sätzen zu kondensieren.

Natürlich stehen die auch immer für eine bestimmte Laune, Frage oder Stimmung in meinem Leben, sind Zeitgeist im besten Sinn – auch in ihrer Banalität oder weil das pop-kulturelle Zeichenspielchen einfach Spass macht. Wer hat auch den Film gesehen, kennt diese Zeile aus dem Song, hat das auch schon erlebt? – ein Zitatezeige&Ratespiel. Ein bisschen Eitelkeit ist natürlich auch dabei, wenn man Zitate postet, an der Wand aufhängt oder als Email Signatur benutzt oder auf T-Shirts druckt.

Ich habe die „6 aus 49 plus Superzahl“-Zitate gesucht, die mir noch heute was sagen, oder wo ich mich zumindest an den Grund erinnere, warum ich die mal gut fand. Die meisten sind hoffentlich nicht bloß schlaumeierisch, sondern ein bisschenb klug, witzig, mit doppeltem Boden oder sie entwickeln in ihrer Trübsinnigkeit Kraft.

EINS:

“Welchen Tag haben wir?” fragte Pooh. “Es ist heute!“, quiekte Ferkel. “Mein Lieblingstag!”
Aus Winnie Pooh

Das ist das eine Vorlesebuch für Kinder, bei dem die vorlesenden Eltern nicht am liebsten aufstöhnen würden über die sprachliche Unterforderung, die banale Lebensphilosophie und Zeigefingerpädagogik so vieler andere „Vorlesebücher“.
Manchmal war es mir sogar etwas zu kompliziert erzählt: Wer spricht da jetzt? Christopher Robin oder Vater von Christopher Robin, wer erzählt das alles über Pooh, Ferkel, I-Ah, Ruh, Kaninchen usw.? Vielleicht war ich auch nur müde – im Gegensatz zu den Kindern neben mir.

Dümmliche Helden haben in Film und Literatur nicht den besten Ruf. Pooht weiß, dass er ein Bär “von geringem Verstand“ ist. Vielleicht kommt er ja deswegen so gut klar. Weil er die Dinge nicht so ernst nimmt und trotzdem versteht, weil er einfach mal Sachen probiert und wenn er aufs Maul fällt, eben mehr weiß. Weil er Freunde hat und Freunden hilft, weil er das Leben liebt. Und er muss dabei nicht immer das Richtige tun oder die Geschichte beeinflussen oder „das Herz am rechten Fleck haben“ wie der unerträgliche Bruder im Geist Forrest Gump.
Das tolle Zitat kommt dann aber von Ferkel, dem kleinen Freund, der im Buch unsere Ängstlichkeit und Vorsicht repräsentiert. Dass ausgerechnet Ferkel ganz buddhistisch im Jetzt lebt, wie das Zitat belegt, ist eine herrliche Idee, die jedem ängstlichen Menschen als einzigen Ratschlag genügen könnte. Und so fröhlich-optimistisch wie Ferkels Worte, wünschte ich mir, würden meine Kinder immer leben.

ZWEI:

Somewhere along the line I knew there would be girls, visions, everything, somewhere along the line the pearl would be handed to me. Jack Kerouac, On the Road

Hier treffen sich Lieblings-Bücher und Zitate. Ich bin in meinen Zwanzigern einer von diesen jungen Menschen seit 1957 gewesen, die von den Büchern der Beat Generation, auf die Straße gebracht wurden, die einfach losmachten und schauten, was es gab da draußen. Anhalter fahren, Reisen ohne Plan, Freiheit testen, Exzesse und Niederlagen, Irrungen und viel flüchtiger Spass. Mancher mag sich auf diesem Weg selbst begegnet sein und dann darüber geschrieben haben. Und ein paar haben die Phase einfach beendet und sind – ich nenne es mal „nützliche Teile“ der Gesellschaft geworden.

Ich kann trotzdem bis heute keine nächtlichen Solo-Autofahrten machen ohne an On the Road zu denken, ich kann noch immer die ersten Zeilen von Howl auswendig und habe beim Versuch die beiden Welten (Beat und Bundesrepublik) damals sogar zwei Jahre an einer Doktorarbeit über die zivilreligiösen Wurzeln der Beat Generation geschrieben – bevor ich verstand, dass ich zwar schreiben will, aber nicht für die Uni.
Das Zitat fand ich in einem meiner Reisetagebücher als Motto. Es kondensiert den Tanz zwischen Banalität und Lebensklugheit, zwischen Bewegung und Hoffnung, Männlichkeit und Mystik, den man in allen Büchern von Kerouac findet. Er war der hübsche Loner, der Mitfahrer und Beobachter, der später in Katholizismus und Alkoholismus versank, als sein Leben und Werk nicht mehr in Deckung kamen. Die maximale Fallhöhe, das maximale Selbstbewusstsein und die ganz US-typische Bindungslosigkeit bei dem gleichzeitig ganz großen Wunsch nach Tiefe – das finde ich noch immer in seinen Büchern und beim Lesen dieser einen, hoffnungsvoll naiven Zeile.

DREI:

Ein Schiff ist im Hafen sicher, aber das ist nicht, wofür Schiffe da sind.
(Plakat im Hafen von Dublin)

Alleinreisen ist ja was Tolles. Und schrecklich. Man begegnet sich die ganze Zeit selbst (besonders den eigenen Unfähigkeiten), ist sehr wach, entdeckt in Alltagssituationen Symbole über unser Leben oder in den Blicken einer Fremden das ganze Dilemma der Gefühle. So wach und dünnhäutig ist man nur allein in fremden Städten und Ländern.

Nach Dublin bin ich irgendwann in den Nullerjahren allein gereist, die Band U2 baute gerade im Hafen ein gläsernes Hochhaus,…aber noch war es nicht so irre teuer und der Crash 2008 sollte erst noch kommen.
Ich lief planlos herum, trank ab mittags Guinness und wusste auch angeduselt nicht, was ich eigentlich suchte – fand aber auch wenig Überraschendes in der Stadt.
Bin mit einem Bus raus gefahren ans Meer, die Klippen entlang gewandert und dort endlich dieses Inselgefühl bekommen. Zurück in die Stadt im Dauerregen bei einer Platte von der irischen Band The Frames im Bus heulen müssen. Es war eine komische Zeit. Aber Alleinreisen war genau das richtige Komisch oben drauf.

Am alten Hafen von Dublin entdeckte ich abends das Poster der Unitarischen Kirche. Taugt als Lebensmotto, dachte ich. Seltsam, dass Irland nie eine Seefahrer- oder Entdeckernation war – obwohl sie ja eine Schiffsbaunation waren und in Belfast z.B. die Titanic bauten. Aber sie liebten offenbar zu sehr ihren Hafen.

Deswegen war der Spruch wohl auch keine Seefahrerweisheit. Ein Schiff wird gebaut, dann fährt es los und kehrt vielleicht nie zurück. Unser Leben ist dieses Schiff, der Hafen die heimische Scholle, die Familie, das vertraute Leben. Vielleicht geht es auch darum, wie man ein Jemand wird, sobald man Menschen (Ländern, Abenteuern) begegnet. Wir suchen, versuchen, entdecken – das wäre sonst kein Leben. Aber dafür müssen wir gar nicht wortwörtlich reisen oder aufs Meer hinaus fahren. Aber wir müssen, glaube ich, immer bereit sein, es zu tun.

Lesen und lesen lassen in Leipzig

Lesen und lesen lassen in Leipzig

So nun ist aber auch gut. Als letzter Akt ist nun das (wirklich schön geratene) Buch zu StadtLandText erschienen: 10 Regionen, 10 Schreiber und Schreiberinnen, die in einer Art Best Of Anthologie schöne Texte und Fotos aus dem Blog auf Papier gebracht haben. NRW hat sich nicht lumpen lassen…

Zur Vorstellung des Buchs auf der Buchmesse in Leipzig waren vier von uns Zehnen eingeladen kurz daraus vorzulesen. Das hat Spaß gemacht. Man darf sich aber sicher fragen, ob eine Lesung vor zwei Handvoll Leuten in einem 15 Quadratmeter Messestand für 30 Minuten den Aufwand und die Kosten für Anreise, Hotels, Honorare rechtfertigen. Aber andererseits: Geld kann sinnloser und dabei nicht so herzwarm und gut gelaunt verpulvert werden. Und die lokale Wirtschaft haben meine Frau und ich jedenfalls gestützt mit all dem Schlafenmüssen und Durst- und Hungerhaben – und dem Bücherhunger gleich noch Kleinverlage gerettet.

Schön waren die vielen Lesungen überall in der Stadt, in Cafés, Läden und lässigen Off-Orten. So am Samstagabend z.B. in toller, abgerocketer Location in einem ehemaligen Kraftwerk am Stadtrand der Abend mit dem italienischen Schriftsteller Domenico Starnone. AUF IMMER VERBUNDEN, heißt sein Buch und passte zu der betörenden Italo-Deutschen Mischung des vorfreudigen Publikums, das geduldig wartete und dann zuhörte ,während draußen die eiskalte Nacht an die Fenster drückte.

Schön auch die abenteuerlichen Überlandfahrten in tief verschneiten Sachsen von unserer Unterkunft im beschaulichen Schkopau Richtung Leipzig, 30km weiter – vorbei an riesigen Parkplätzen oder ehemaligen Lagerplätzen mit Lichtmasten ohne Autos oder Lagermaterial, vielleicht noch aus Bluna-Leuna Chemiehochzeiten in der guten alten Tätera, dann weiter entlang gigantischer Einkaufsmeilen entlang der B-Irgendwas mit gigantischer Tanke und Drive Thrus und Bäumärkten und Möbelmärkten und Supermärkten – und vollen Parkplätzen. Im nächsten Dorf, mit Villen gegenüber 3-Stockwerks-Plattenbauten wurden an einer Kreuzung handzahme Papageien auf einem Schild angepriesen. Wir überlegten kurz. Die Kinder lesen ja heute immer weniger. Und dann, immer wieder diese enormen ostdeutschen Horizonte – weit und klar wie Wyoming.

Künstlerlandverschickung – unterwegs als Regionalschreiber Sauerland

Künstlerlandverschickung – unterwegs als Regionalschreiber Sauerland

Schreiben kann man auf vielerlei Weise. Unter Druck, unter Alkohol, ohne Ziel und sehr suchend, mit Plan und Deadline. Man kann für die Schublade, für die Nachwelt oder das Geld schreiben, zur Selbsttherapie, zur Freude oder zur Freude aller. Man kann schreiben, weil man muss, oder weil man’s etwas kann, weil man’s möchte oder weil man es darf. Die Modalverb-Schreibgründe (muss, kann, will, darf) stecken in meinen Beiträgen, die gerade für stadt.land.text entstehen.

NRW Kulturministerium bezaht’s
Das Kultusministerium NRW finanziert in diesem Jahr zehn Stipendiaten für vier Monate einen Aufenthalt in einer der zehn „Kulturregionen“ des Landes. In einer davon, dem Sauerland (genauer dem HSK, dem Hochsauerlandkreis) bin ich gelandet. Ein schönes Fleckchen Erde mit Bergen, Seen, Wäldern und wenig Leuten – so wie ich es oft im Urlaub mag. Aber jetzt ist das auch Arbeit. Für Perfektion fehlt noch das Meer. Und eine richtig große Stadt. Dann könnt ich hier leben. Aber das wär dann nicht Sauerland, sondern,,, vielleicht Kanada? Und genau darum geht es.
Wir Stipendiaten bekommen Geld und Wohnung und ansonsten ganz viel Raum und Zeit und Freiheit, zu Schreiben. Von hier, über hier. Was, worüber genau, in welchem Stil, wie oft, mit welchem Ziel – alles offen. Das Ganze ist in dieser Form ohnehin Pilotprojekt. Es wurde über ganz NRW gestülpt, nachdem es einige Jahre in der Region Aachen gut gelaufen ist. Wir sind also schreibende Versuchkaninchen (mit eigensinnigen Charakteren und wie es scheint Selbstbewusstsein) mitten in einem Regierungswechsel in NRW und einer paradoxen Zeit, die die Premierministerin von Großbritannien mit global-lokal zu umreißen versuchte – “Global Britain” – dehalb schreibe ich also irgendwie über Global Sauerland.

Was schreibst du?
Warum jetzt zehn Stipendien? Weil die Regionale Kulturpolitik (die vor allem eine Verwaltungsgeschichte hat) 20 Jahre alt wird. Regionale Kulturpolitik bedeutet oft nicht Oper, Theater und internationale Museums-Ausstellungen, sondern Kleinkunst und Kultur gemacht und organisiert (und unterstützt von Regionalen Kulturbüros) von den Leuten, die hier wohnen. Es gibt Festivals, Laienbühnen, Liebhabermuseen, Heimatvereine, Musikveranstaltungen, Draußen-Aktivtäten mit kulturellem Flair, Alltagskultur, Essen, Trinken, Denken. So jedenfalls begreife ich mein Arbeitsfeld und das unterstützt die Landesregierung. In der hübschen Broschüre zur RKP heißt es: “Das Programm will die zehn Kulturregionen dabei unterstützen, sich auch im zusammenwachsenden (ja?) Europa zu profilieren und ihre Attraktivität und Identität nach innen und außen zu stärken.” Was man in so Broschüren eben schreibt. Danach kommen noch die Worte “Intensivierung” und “Netzwerk” und und “Ressourcen bündeln” vor.

Offen schreiben aber viel zeigen
stadt.land.text ist also ein Schreibstipendium, für das wir uns mit Texten und Konzept bewerben mussten, das in seiner Zielsetzung aber sehr offen ist – obwohl das Ministerium in seiner Broschüre schon Ziele hat. So diffus dieser Kulturpolitiksprech auch ist. Was – im Guten finde ich – über allem schwebt, ist die Idee, die immer gleich erzählte Geschichte einer Region, durch uns ein wenig anders oder neu oder aus fremder Sicht erzählen zu lassen. Damit man diese Geschichte besser oder anders sehen kann. Oder überprüfen, umarbeiten oder doch stolz drauf sein.

Es soll explizit mal nicht um Tourismus oder Marketing gehen. Sondern um Stadt und Land und Kultur und Mensch, wie wir sie erleben. Wir, das heißt zehn Region-Fremde und Kurzzeit-Zugezogene. Beim Schauen, gehen, fahren und sprechen ein paar Schlaglichter schaffen. Überraschungen, Sackgassen und Serendipity Funde inklusive – längst Bekanntes und Abseitiges nebeneinander.

Fresh Blick
Ob die Sauerländer nach vier Monaten meiner doch recht punktuellen Berichterstattung und subjektiven Wahrnehmung ihre Region (ganz) anders sehen, oder Leute, die noch hier waren, deshalb her kommen  – nun, ich glaube nicht. Aber: Steter Tropfen…. usw.
Ich habe allerdings schonmal an einem schönen Regionalschreib-Kultur-Magazin mitgewirkt, Labkultur hieß das (zuerst 2010lab) Blog, hatte 2010 bis 2012 viel (richtig viel) Geld und Autoren und Redakteure und CvD und Blickwinkel und Ansätze und Kameras und und und. Heraus kam ein Kaleidoskop, auch qualitativ vielflältig – ganz wie die Region Ruhrgebiet, für die es gemacht war. Heute ist Förderung längst abgelaufen, Labkultur ist ausgeknipst, unter dem Namen kann man in China Taschen kaufen jetzt. All die MIllionen, die in Beiträge und Filme und Personal fürs Ruhrgebiet investiert wurden sind futsch – und ob es was gebracht hat, nun da gibt es unterschiedliche Meinungen, je nachdem ob man bei ecce oder den Ruhrbaronen nachfragt.. Ich glaube ja, es hat etwas gebracht und auch stadt.land.text kann was bewirken. Im Kleinen. Und auf Dauer vielleicht, in jedem Fall für die Beteiligten. Kunst soll ja nicht die Welt heilen, sondern sie soll sein Und hier kann sie halt auch mal sein.

Denn von wegen steter Tropfen: Köpfe und Vorstellungen der Menschen von ihrer Heimat sind wirklich ein bisschen wie Steine (die ewige Ruhrpottstory ist z.B. Kohle, Stahl, Bier, Wurst und Fußball (gähn)). Diese Steine durch Texte zu kühlen oder erhitzen, rutschiger oder farbiger zu machen und den Blick auf den eigenen Alltag, die so-gut-wie-die-eigene-Westentasche-Gegend minimal zu verändern, das wäre schon ein Erfolg.
Ansonsten werden wir ein paar sehr unterschiedliche, neugierige, schreibende Leute gewesen sein, die viel gesehen, nachgedacht und geschrieben haben. Was doch auch toll klingt und meiner Ansicht nach jede Förderung rechtfertigt – auch wenn so viele erstmal ihre Straßen repariert haben wollen. Auch so ein Thema.