6aus49 – DIE Platten (Teil 2, Nr 3-6 +Superzahl)

6aus49 – DIE Platten (Teil 2, Nr 3-6 +Superzahl)

Intro und Platten 1 & 2 sind hier…

DREI
PJ – Ten & Vs. (1991 & 1993)
Ich kann die beiden ersten Platten von Pearl Jam nicht trennen, weil sie auf einer TDK90 Cassette in meinem Walkman im ersten Berlin-Winter immer liefen. Immer. Mit Once raus aus der kalten Hinterhofwohnung, über mir graubreiiger Himmel, mit Why Go entlang siffiger Schöneberger Straßen, vorbei am blinkenden Gasometer, dann zu Porch rein in die S-Bahn und raus zur Uni – teigige Gesichter in Schals gewickelt bei Minus 15 Grad. Alive war ich zwar, aber mies drauf…

Irgendwann im Februar oder März, nach über 40 Tagen ohne Sonnenschein (ein Freund hatte mitgezählt), fing ich plötzlich im Supermarkt das Heulen an. Winterdepression kannte ich bis dahin nichtmal als Wort. Danach war klar, ein Gegengewicht muss her. Und scheiße, ich wohn doch in Berlin. Also mehr raus, mehr Delicious Doughnut Club, mehr Kellerbars durch Löcher im Boden zu betreten, mehr Becksbier und weniger Schlaf. Und Pearl Jam lauter hören. Therapie glückte.

Wegen dieser zwei Platten bewarb ich mich ein Jahr darauf für ein Auslandsjahr in Seattle – das ich bekam – voller Hoffnung natürlich, PJ in ihrer Heimatstadt live zu sehen. Die spielten dann mit neuer, fantastischer Platte No Code (immer noch die beste von allen!) in der Deutschlandhalle in Berlin („Umjubelte Antistars“ titelte Das Neue Deutschland) und ich lauschte dem Konzert in der Küche des Hauses in Seattle. Erst 2000, open Air Wuhlheide endlich live… und dann immer.
Funfact: Chris Cornelis Band Soundgarden, die sich mit PJ später den Drummer teilte, löste sich just auf, als ich Karten für ihr Konzert in Seattle hatte. Die sah ich schließlich vor ein paar 100 Leuten in Dortmunds FZW zur Reunion 2012.

VIER
Frank Sinatra, diverse (1970&80er)
Verbunden, wie könnte es anders sein, mit meinem Vater. Der hörte ihn. Und Fast Domino. Und Louis Armstrong. Das war die Musik seiner Jugend nach dem Krieg. Von Rock’n’Roll wie den Stones oder den Beatles gab es bei uns keine Platten. Dafür aber auch keine Schlagersscheisse.
Ohnehin spielte Musik keine große Rolle bei uns, mal abgesehen vom sonntäglichen Klassikpotpourri, das meine Mutter auflegte oder irgendwelchen Hit- oder Partysamplern, die man auf den vielen, sehr vielen Feiern bei uns zu Hause zu Pils und Schappes auflegte. 
Und irgendwann nach 2 Uhr auch Sinatra. Die „New York New York Platte“ (Trilogy: Past-Present-Future) natürlich, an der seit 1980 keiner vorbeikam. Da war Frank schon 64, die Platte mit all den Evergreens gehören eigentlich zu seinem zweiten, bis dritten Comeback. Power und Melancholie in Franks Stimme gepaart mit dem eigenen alkoholbedingte Schwermut nach dem Exzess machen diese Platte zum perfekten Abend-Abbinder.
Für meine Eltern damals – wie für mich heute – kam dazu wohl die leise Ahnung, dass die Zeit, die hinter einem liegt definitiv länger ist, als die Zeit, die noch vor einem liegt. Auch darüber singt Franky ja. It was a very good year. Dieser tolle Song ist zwar auf einer anderen Platte, aber für mich die Essenz des späten Sinatra.

FÜNF
Jackie McLean, It’s time (1964)
Ja, der Jazz. Altherrenmusik. Geliebt auch von Leuten, die so verengt Musik hören, dass sie fast alles jenseits von Jazz – und auch, was im Jazz nach 1970 (Miles Davis Bitches Brew Album) passierte – nicht interessiert. Leute, die endlos über Fingertechnik oder Aufnahmesysteme oder Synkopen erzählen und dabei ihre Goaties zwirbeln. Klischees ihrer selbst. Lehrer hören Jazz.

Jazz war aber mein Punk – nur ohne Lederjacke. Genau so wild und frei und im Moment wie Pistols oder Ramones – nur vielleicht nicht so dreckig und laut. Das offensive „DagEEEEgen!“ hatte der Jazz nicht. Dafür ein etwas abgehobenes „Fuck Off“, das mir gefiel. Nämlich „Fuck off, wenn ich es dir erklären muss, wirst du es eh nie verstehen.”
Jazz war den meisten Bekannten und Freunden nichtmal interessant genug, ihn scheiße zu finden. Für mich öffnete er kulturell Türen zu Literatur und Filmen der 50er & 60er Jahre, zur Afro-Amerikanischen Kultur und sogar zum Blues, den ja eigentlich kaum jemand unter 30 hört. Ich spielte mit 20 sogar in einer Blues Band (für Jazz war ich nicht gut genug). Und selbst HipHop, der mich damals nie packte, konnte ich über den Umweg des Jazz (Jazzmatazz, Spike Lees Mo Better Blues, Us3, MS Solar, The Roots) ertragen.

Meine CBGB Momente waren 1989 zwei Sets im Village Vanguard und eine Session im Smalls in New York, wo ein paar 14-19 Jährige einer nach dem anderen für ihr Solo auf die Bühne gingen – und j.e.d.e.r einzelne alle Musiker, Profis und Amateure, die ich bis dahin in deutschen Clubs so hatte spielen sehen, in nur 8 Takten erledigt hätten. Danach fuhren wir jedes Jahr aufs North Sea Jazz Festival in Den Haag und gingen Plattenkaufen, begannen Instrumente zu spielen und trugen sogar mal Westen.

Jackie McLean entdeckte ich wie das vierblättrige Kleeblatt in einer Kleewiese erst vor einigen Jahren. Aber als ich sein Art Saxophon, seine Stücke und die Improvisationen hörte, wusste ich es: Das ist er – mehr sogar als Coltrane oder Stitt, Rollins, Adderley oder Carter – das ist mein Sound. Frei und harmonisch, zeitweise am Free kratzend, dabei so hard wie blues aus Bird Parker und Branford Marsalis. McLeans Platten laufen immer, wenn ich nicht weiß, was ich hören will oder nicht weiß, was was gerade los ist. Danach ist’s wieder klar: It’s time!

SECHS
Radiohead- Ok Computer (1997)
Noch ein Beleg dafür, dass prägende Bands lang an einem vorbeigehen können und dass da draußen Musik existiert, in die man eintauchen könnte, die fantastisch, klug, vielseitig, bewegend, politisch und komplex ist, die man lieben kann – aber von der man NICHT weiß. Und ein Beweis, dass prägende Musik immer auch mit prägenden Lebensphasen zusammenfällt.

93 hörte ich Creep bestimmt auf Studentenparties. Aber da lief ja viel Indiezeug oder Crossover und bemüht rebellisches Zeug. Auch das zweite Radiohead Album – nie bewusst gehört. Erst Ok Computer, wie so oft eine Empfehlung von den Besserhörern in meinem Umfeld, schlug die Tür auf. Und die ist nie wieder zugegangen.
97/98 war dann aber eben auch persönlich Umbruch, Studium zu Ende, Beziehung zu Ende, Reise back to Seattle, back to some old Love Affairs, scheißteure Telefonate mit Hongkong von Münzfernsprechern an irgendeinem Motel und dabei Ok Computer im Ohr.…Paranoid Android – das war ich. Und With no alarms and no surprises wäre ich gern gewesen – stimmungsmäßig.
Neben Pearl Jam (siehe oben) und Arcade Fire (Gründe siehe hier) ist Radiohead vermutlich die dritte Band, deren Werk ich auf die einsame Insel mitnehmen würde.
Unvergessen das Konzert am 11. September 2001 in der Wuhlheide, wo es mangels Handys für alle eine Menge Zuhörer gab, die noch gar nicht wussten, was passiert war – und dann von Thom Yorke und Band durch einen sehr seltsamen Abend begleitet wurden –  nicht sanft und schwermütig sondern: „Nichts, aber auch gar nichts gibt es zu sagen“, meinte York bloß Und dann: Gegen Trauer und Wut hilft nur reiner Rockrausch. Und den gab es.

SUPERZAHL
Message in a Box – The Complete Recordings of The Police
Supersuperschwer diese Auswahl. Am Platten und CD Regal gehe ich erst gar nicht vorbei, weil dann werden zig unmögliche Entscheidungen nötig. Also einfach Erinnerungen und Namen kommen lassen. Und dann geht kein Weg vorbei an dieser Band. Eigentlich das einzige Trio jenseits Jimmy Hendrix, Nirvana und ZZ Top, das mit 4 oder 5 Leuten auf der Bühne nur verloren hätte.
Stewart Copeland ist für mich als Ex-Drummer Gott gewesen. Genau die Kombi aus technisch genial, dabei voller Stil und Kraft und eigenem Sound und Kopf und musikalischem Verständnis. Mit Sting als Songschreiber und dieser großen Stimme und Andy Summers als stilles Genie an der Gitarre.

Ich mag von Police alle Alben und jeden Song – und musste doch wie bei so vielen Bands (REM, Genesis, Level 42, Simple Minds …) als Jungspund erstmal feststellen, dass sie schon länger Platten machten – Platten, die mir dann sogar meist besser gefielen als die Platte, mit der ich sie kennenlernte. Bei Police war die erste ihre letzte LP: Synchronicity.

Die VHS Cassete von einem Konzert der dazugehörigen Tour habe ich Jahre später zig mal gesehen bei dem Versuch Copeland seine Drum Breaks und Hi-Hat Zaubereien zu entlocken. Zu dem Konzert 1983 in der Westfalenhalle hat mich aber leider keiner meiner Geschwister mitgenommen. Was wohl aus mir geworden wäre? Vielleicht wäre die Matt Bianco / The Curiosity Killed The Cat-Popper-Phase an mir vorbeigegangen und ich hätte ohne Umwege Qualität und Eigensinn in der Musik gesucht statt im Mainstream mitzuschwimmen.
Bis ich so 87/88 ans Ufer gespült wurde und von da an zu Fuß gegangen bin – mit vielen guten Scouts im privaten Umfeld und Entdeckungen auf nächtlichen Autofahrten im Radio und Plattenverkäufern mit Ahnung. Meine Musik kennt kein Genre, sie bewegt mich fast nie über die Texte – die meisten kenn ich auch nach 100x Hören trotzdem nicht.

Falls Musikgeschmack einen Charakter spiegelt, dann bin ich dort wie hier genau der neugierige Allrounder ohne Spezialwissen. Ich will das gleiche Feeling immer wieder und dann auch was Neues, ich will überrascht werden, aber auch bestätigt, ich will mal umgehauen werden und wieder aufstehen und mal in einem roten Sessel sitzen und nur zuhören.
Und ich will mit diesem Song bitte abtreten: (TBA).

In den 49 Jahren stecken noch mindestens 6×6 Alben von:
Talk Talk, Neil Young, Jack Johnson, The Dandy Warhols, Noir Desir, The Frames und Glen Hansard, Calexico, Sade, Michael Jackson, Ani di Franco, The National, Catpower, Fink, Pino Daniele, Herbert Grönemeyer, Hothouse Flowers, Arcade Fire, Tricky, Prefab Sprout, Morrissey, U2, Bonnie Prince Billy, Modest Mouse, Falco, Hayden Bruce Springsteen, Damien Jurado, PJ Harvey, Grandaddy, Billy Idol, Alanis Morissette, The Eels, Lenny Kravitz, Elton John, Nick Cave, Mogwai, Fiona Apple, Benjamin Biolay, Dead Can Dance, Oasis, Blur, Brand New Heavies, Supergrass, Paul Weller, The Verve, Björk, Portishead, Massive Attack, David Bowie, LCD Soundsystem, Bob Dylan, Miles Davis, Joshua Redman, Tilmann Rosmy, 16 Horsepower und David Eugene Edwards, Metallica, Rachmaninov, The Doors, Maceo Parker, und Steve Reich, Living Colour, Red Hot Chilli Peppers, Sceaming Trees, Nirvana, Smashing Pumpkins, The Tea Party, TAD, Rage against the Machine, Madrugada, The Stone Temple Pilots, Simply Red und Tori Amos.

6 aus 49 – Die Platten (Teil 1)

6 aus 49 – Die Platten (Teil 1)

INTRO: Kurz vor meinem 50sten und mit einer Lottoscheinmetapher im Kopf entstand die Idee: 6 unterschiedlichste Dinge vorzustellen, die für mich in den vergangenen 49 Jahren wichtig waren. Alle Details hier.

Musik war früher wichtiger als heute. Damals sortierten sich ganze Cliquen und Untergruppen und Szenen entlang von musikalischen Linien. Gibt es heute sicher auch noch, aber mit ganz viel Fusion und Überschneidung und noch mehr „Kenn ich nicht.“ Sagt der alte Mann…
Kenn ich nicht, gab es für 70er/80er Musikfans fast nicht. Man kannte, was es gab, alles was bei Life Music in der Dortmunder Innenstadt im Plattenregal der Neuheiten stand, alles was Mal Sondocks Hitparade spielte, alles bei Formel Eins und für die Nebensektionen was in den Abendprogrammen im Radio lief – in seiner ganzen Breite von Yello bis Motörhead. Wer Musik mochte, hörte sie (erstmal noch) nicht nebenbei, während er am Handy Nachrichten schrieb. Intensivste Musikhörerlebnisse stammten vom zu Haus auf dem Teppich liegen und hören. Erst der Walkman macht dann das eigene Leben zum Film mit Soundtrack.

Musik hat bei mir Menschen sortiert: Ich konnte nicht mit jemandem zusammen sein, der Modern Talking hört, aber auch auf keinen Fall mit einer, die Reggae mag. Wer Wave hörte oder Punk, hatte eigentlich immer ältere Geschwister und damit einen frühgereiften Musikgeschmack, der mich verunsicherte. So jemand verfügte über eine Art Geheimwissen. Wer aber mit 16 schon Rock hörte oder Schlager cool fand, war zu sehr wie seine Eltern. Und wer mit Talk Talk oder Talking Heads nichts anfangen konnte, hatte auch später nur geringste Chancen, Musikgeschmack zu entwickeln. Das waren so meine zarten Erkenntnisse.

Wie bei 9/11 oder als die Berliner Mauer fiel, weiß ich genau, wo ich war, als ich eine bestimmte Platte zum ersten mal hörte: Stings Dream of the Blue Turtles, geliehen von Daggi, auf meinem braunen Teppich im Kinderzimmer, kühl war es, draußen aber Sonne, es sollte Königsberger Klopse geben. Dazu passt Meat is Murder von The Smiths, geliehen von einem Nachbarsjungen (mit älterem Bruder) und zum ersten Mal oben auf der DUAL Anlage meines Vaters gehört. Ich wusste sofort, das ist besonders, konnte aber mit Morrissey Stimme noch nichts anfangen. Nirvana, Smells Like Teen Spirit: Im Auto auf der Fahrt nach Hause nach einer Nachtschicht, Durchstraße Dortmund, Fahrtrichtung Höchsten – den dunkelgrünen Golf von Mutter angehalten, bis das Lied zu Ende war. Sprachlos. 5 Jahre später habe ich in Seattle gewohnt.

Vielleicht ist meine musikalische Beschränktheit/Faulheit/Arroganz heute auch bloss Überdruss. Hab alles, was ich brauche, könnte problemlos nie wieder neue Musik hören. Alterserscheinungen… Oder weil die aktuelle Musik unerträglich ist. Oder weil ich bei gelegentlichen Netz/Spotify/Zeitschriften Recherchen das Alherrengefühl dominiert: Alles schon besser gehört.
Vermutlich deswegen, und weil Musik einen macht, wenn man noch formbar ist – also so bis 25(?) – sind die Mehrzahl der Platten auf dieser 6aus49 plus Superzahl Liste im letzten Jahrhundert erschienen. Ich könnte aber sicher zwei Wochen lang jeden Tag 6 andere nennen, die auch wichtig waren oder sind…aber so ist Lotto.

 

EINS
Tocotronic-Pure Vernunft darf niemals siegen (2005)
Die erste Platte, drei Jungs mit Diskurs-Langhaarfrisur und Trainingsanzügen hatte ich 1996 bei WOM am Kuhdamm in Berlin in der Hand. Reingehören – zögern – was IST das? Durchhören, irgendwie besonders, aber nö…

Dennoch nie vergessen können, was ich da gehört hatte.10 Jahre dauerte es trotzdem: 2005 erschien Pure Vernunft darf niemals siegen. Zuvor hatten Tomte mit Hinter all diesen Fenstern meinen Widerstand gegen deutschen Rock/Pop gebrochen. Dieses Tocotronic Album brauchte auch keine Hilfe mehr von meinen frühinfizierten Freunden, die mir seit Jahren mit Blumfeld und Begemann in den Ohren lagen. Vom ersten bis zum letzten Song ein Treffer: Musikalisch, textlich, atmosphärisch. Unvergessen das Neujahrskonzert am 1. Januar 2005: Tocotronic spielt in der Volksbühne und Dirk von Lotzow heiser, verkatert und stimmwacklig am Anfang. Es wird ein unvergessenes Erlebnis für unsere von der Nacht noch lädierten Hirne und halb geöffneten Herzen and diesem ersten Tag des Jahres.

Seitdem gehören diese Platte und die Tocos so sehr zu meiner musikalischen Sternenkarte, als hätten sie schon immer da oben gefunkelt. Das „Sag Alles Ab“ T-Shirt habe ich seit Jahren immer an, wenn es drauf ankommt.
(Weitere Lieblinge Ja, Panik, Kante, Niels Frevert, Sophie Hunger, Peter Licht, Die Sterne, Gisbert zu Knyphausen)

ZWEI
Simple Minds – Once upon a time (1985)
Handgeschrieben hatte ich alle Texte damals geschenkt bekommen von meiner ersten, ja, Teenagefreundin. Sehr unschuldig wir beide. Ihr älterer Bruder war ein Simple Minds Fan, dadurch sie, dadurch wurde ich einer. Besonders „Whish you where here“ hob sie hervor. Die Botschaft kam an. Ich muss die Platte bis heute hunderte Male gehört haben, und es ist immer noch die einzige LP, von der ich alle Texte auswendig kenne. Es folgen tolle Konzerte, u.a. Westfalenhalle, Steilkurve mit 100erten Fans drauf, darunter wir, stürzt bei Hüpfen und zu Alive & Kicking ein. Kurze Unterbrechung des Konzers, dann geht es weiter… die wilden 80er, aber mal in echt.

Das Live in the City of Life Album war in heavy rotation auf meinem Plattenteller. ich erschloss mir die Vorläufer New Gold Dream und Sparkle in the Rain und malte das Simple Minds Logo mit goldenem Lackstift auf Schulhefte und Rucksäcke.
Aber als vier Jahre später das neue Album erschien, waren Jim Kerr und Kollegen für mich schon eine Weile vorbei. Die Jugend war damals offenbar genau so schnelllebig und flatterhaft wie heute. Und die Freundin gab es da auch nicht mehr.
Simple Minds ist in meiner Vita eine der wenigen Bands, die bei Gesprächen über Musik von 80er Zeitgenossen, die schon damals musikalisch viel sicherer reisten als ich, als auch von Mainstreamern zumindest immer ein Okay bekomme. „Okay, die waren gut.“ Meine zeitweiligen musikalischen Irrungen (ich sag nur Popper! – bis der Jazz kam), die nach Simple Minds eine Weile folgten, werden so wenigstens etwas aufgewogen. Danke Eva.

Die Platten 3-6 + SUPERZAHL im nächsten Teil…

Reihe: 6aus49 – Die Zitate (Zahl 4 bis 6 + Superzahl)

Reihe: 6aus49 – Die Zitate (Zahl 4 bis 6 + Superzahl)

Die Zahlen 1-3 plus Intro HIER.
Und weiter geht es mit dem Zitatereigen der letzten 49 Jahre…

VIER:

Wenn zu perfekt liebe Gott böse.
(Nam Jun Paik)

Ich bin kein Fan von Videokunst. Das meiste Zeitgenössische ist mir zu prätentiös, hingehudelt oder unnötig verrätselt und behauptet viel Bedeutung. Und dann gibt es ein paar die könnte man (fast) perfekt nennen (z.B. diese oder diese). Sie sind es natürlich nicht.
Wer kreativ ist, dem stellt sich irgendwann die Frage nach Qualität. Was ist gut, was ist Mist? Und warum verdammt nochmal gibt es dafür keine Formel? Ob Maler_in, Musiker_in, Autor_in, Filmemacher_in, Bildhauer_in, Dichter_in, Schauspieler_in oder Komponist_in – alle suchen und suchen meist ihr Leben lang und schaffen dabei Kunst, lebendige, erhellende, bereichernde, packende Kunst. Aber bestimmt nicht perfekte Kunst.

Perfektion meint das Beste vom Besten? Fehlerlos? Makellos? Mmmh…
Die kleinen Ungereimtheiten und Macken machen Kunst (und das Leben!) interessant. Tolle Kunst steht am Ende von Gedanken und Zufällen und handwerklichen Fehlern, von Missverständnissen und Widersprüchen und Können plus Zeit.  Sie spenden Luft und Raum zum Denken.
Als gar nicht seltsam, dass gerade in einer Gesellschaft wie Japan, die in so vielen technischen und handwerklichen Bereichen nach Perfektion strebt, auch das Konzept von Wabi-Sabi, eine Art absichtlich hergestellte Unvollkommenheit und Nicht-Perfektion erfunden wurde, die wunderschön ist.
Die perfekte Frau? Den perfekten Mann? Der perfekte Urlaub? Gott wie öde. Perfektion ist im Moment. Sonst liebe Gott böse. Und wir inmitten der großen Frage, warum “Gott” die Welt so seltsam unvollkommen zusammengezimmert hat. Mein Glaube: Damit wir wach und bereit und am Leben sind.

FÜNF:
Der Dude packt das.
(Jeffrey Lebowski)

Ein Kultfilm ist ja eigentlich nur ein Film, der gegen alle Erwartungen Erfolg hat, oder der über die lange Strecke Erfolg hat, eine Fan-Szene schafft und Pop-Referenzen in den Mainstream trägt. Und wenn er dann noch zeitlos gut zu gucken ist…
The Big Lebowski (1998) scheint nach dem genial bös-bitteren Fargo (1996) wie ein Gegengewicht im Werk der Coen Brüder. Der Film besteht aus Freundlichkeit, Gleichmut und einer sympathischer Verbimmeltheit der Hauptfigur Jeffrey The Dude Lebowski. Aus der Haltung des Dude lässt siche eine lebens-philosophische Maxime zimmern: Man verhalte sich jederzeit bereit, reagiere aber stets stoisch gegenüber den menschlichen Ab- und Beweggründen und erhole sich vom Streß, den die Welt sich selbst macht, mit Fluchen und Bowling. Ob irre Nihilisten-Nazis, falsche Millionäre, furchtbare aber fruchtbare Künstlerin, Pornoproduzent oder Taxifahrer mit überraschendem Musikgeschmack, ob tanzender Vermieter oder Provinz-Detektiv – Du sollst staunen, lächeln und lässig kommentieren – und dich aufs Wesentliche konzentrieren. So einer ist der Dude. Er packt es. Seine oft unverstandene Ironie, sein großes Herz, seine Verlässlichkeit gepaart mit Antriebslosigkeit, seine im wahrsten Sinne selbstverwirklichte Work-Life Balance ist bewundernswert. Und so wird mein jährliches Lebowski-Gucken auch Meditation über die Frage, worauf es ankommt. Die Antwort gibt immer der Cowboy. Und der Boden eines White Russian Glases.

SECHS:
Ich höre auf das, was ich weglassen kann.
(Miles Davis)

Ghost Note – Was wir nicht hören, aber vermissen würden, wäre es nicht da. Das ist die Ghost Note. Miles war ein Meister dieser Auslassung, ja ganzer Tonreihen, die er nicht spielte und die das Eigentliche noch betonten. Ein künstlerisches Paradox. Wie die Länge einer Pause zwischen zwei Sätzen das Gesagte verändert, wie das Unsichtbare außerhalb des Ausschnitts eines Fotos immer mitgedacht wird und das (sichtbare) Bild beeinflusst, wie die Lücken zwischen einem Jump-Cut im Film von unserem Kopf mit Sinn verknüpft werden.
Vom berühmten Autor Raymond Carver sagt man, sein Lektor habe bei den Kurzgeschichten immer die zwei, drei letzten Absätze rigoros gestrichen – worauf diese eigenartigen Enden, in unser Leben außerhalb des Buches ragten und zu einem Faktor des „Carver Stils“ wurde.
Miles wusste immer, was er spielen und was er weglassen musste. Auch im Leben war er Künstler. Und für mich als Texter dient das Miles Zitat als Maxime: Es gibt kein zu kurz. Es gibt aber sehr oft zu viel, zu lang und breit. Und natürlich lässt sich das auch aufs Leben anwenden. Dumme Leute, dumme Jobs, überflüssiger Kram, Fast Food, schlechte Bücher und Filme, nicht zu rettende Gespräche oder Beziehungen…. usw. usf.

SUPERZAHL:
So can you understand
Why I want a daughter while I’m still young?
I want to hold her hand
And show her some beauty
Before this damage is done
But if it’s too much to ask
If it’s too much to ask
Then send me a son
(Arcade Fire)

Fan der ersten Stunde dieser unglaublichen Band. Begann mit den paar 100 Leuten im Columbia Club in Berlin – geflogt von 2010, einem sehr, sehr bewegten Jahr inklusive Abbruch des einen, Beginn eines neuen Lebens. Und die Band brachte The Suburbs heraus. Mein Album zum Umbruch, zum Point of no return und der Heimkehr in jeder Bedeutung des Wortes.
Das gleichnamige Lied mit der Stophe oben traf mich direkt beim ersten Hören. Ich kann mich heute noch an den Moment erinnern und irgendwo hinten im Nacken kribbelt es wieder.

Die ganze fantastische Platte traf, bevor ich einige Monate später selbst Vater einer Tochter wurde, wenn auch so gar nicht mehr „still young“, sondern 40. Die noch nicht geborene Tochter hörte auf einem Konzert in Düsseldorf im Bauch ihrer schönen Mutter, die uns eben mit diesem Bauch ganz vorn an die Bühne brachte. What a night es wurde. Keine Ahnung ob ich je bei einem Konzert mehr am Leben war.

Die Band, dieses Album, das Konzert und dieses Lied wird ewig mit dem Jahr und all dem Guten&Schönen verbunden sein, das damals begann. Und bei jedem Konzert zerreißen die Töne und Worte von The Surburbs alle Schmutzschichten und Schutzschichten – und der weite Weg aus meinen eigenen Suburbs zum Jetzt&Hier wird wieder spürbar.

Sometimes I can’t believe it
I’m moving past the feeling again

Reihe: 6aus49 – Die Zitate (Zahl 1 bis 3)

Reihe: 6aus49 – Die Zitate (Zahl 1 bis 3)

Kluge Frauen und Männer gibt es viele. Witzige nicht ganz so viele. Und ganz wenige, die es zusammenbringen. Und dann gibt es die tollen, mies gelaunten Schweremüter, die klar sehen. In den vergangen fünf Jahrzehnten hingen immer wieder mal Zettel über meinem Schreibtisch mit Zitaten oder Aphorismen oder dummen kleinen Insider-Sprüchen, denen es gelang, dem Leben und Sein eine Erkenntnis abzuringen und über zwei oder auch mal fünf Sätzen zu kondensieren.

Natürlich stehen die auch immer für eine bestimmte Laune, Frage oder Stimmung in meinem Leben, sind Zeitgeist im besten Sinn – auch in ihrer Banalität oder weil das pop-kulturelle Zeichenspielchen einfach Spass macht. Wer hat auch den Film gesehen, kennt diese Zeile aus dem Song, hat das auch schon erlebt? – ein Zitatezeige&Ratespiel. Ein bisschen Eitelkeit ist natürlich auch dabei, wenn man Zitate postet, an der Wand aufhängt oder als Email Signatur benutzt oder auf T-Shirts druckt.

Ich habe die „6 aus 49 plus Superzahl“-Zitate gesucht, die mir noch heute was sagen, oder wo ich mich zumindest an den Grund erinnere, warum ich die mal gut fand. Die meisten sind hoffentlich nicht bloß schlaumeierisch, sondern ein bisschenb klug, witzig, mit doppeltem Boden oder sie entwickeln in ihrer Trübsinnigkeit Kraft.

EINS:

“Welchen Tag haben wir?” fragte Pooh. “Es ist heute!“, quiekte Ferkel. “Mein Lieblingstag!”
Aus Winnie Pooh

Das ist das eine Vorlesebuch für Kinder, bei dem die vorlesenden Eltern nicht am liebsten aufstöhnen würden über die sprachliche Unterforderung, die banale Lebensphilosophie und Zeigefingerpädagogik so vieler andere „Vorlesebücher“.
Manchmal war es mir sogar etwas zu kompliziert erzählt: Wer spricht da jetzt? Christopher Robin oder Vater von Christopher Robin, wer erzählt das alles über Pooh, Ferkel, I-Ah, Ruh, Kaninchen usw.? Vielleicht war ich auch nur müde – im Gegensatz zu den Kindern neben mir.

Dümmliche Helden haben in Film und Literatur nicht den besten Ruf. Pooht weiß, dass er ein Bär “von geringem Verstand“ ist. Vielleicht kommt er ja deswegen so gut klar. Weil er die Dinge nicht so ernst nimmt und trotzdem versteht, weil er einfach mal Sachen probiert und wenn er aufs Maul fällt, eben mehr weiß. Weil er Freunde hat und Freunden hilft, weil er das Leben liebt. Und er muss dabei nicht immer das Richtige tun oder die Geschichte beeinflussen oder „das Herz am rechten Fleck haben“ wie der unerträgliche Bruder im Geist Forrest Gump.
Das tolle Zitat kommt dann aber von Ferkel, dem kleinen Freund, der im Buch unsere Ängstlichkeit und Vorsicht repräsentiert. Dass ausgerechnet Ferkel ganz buddhistisch im Jetzt lebt, wie das Zitat belegt, ist eine herrliche Idee, die jedem ängstlichen Menschen als einzigen Ratschlag genügen könnte. Und so fröhlich-optimistisch wie Ferkels Worte, wünschte ich mir, würden meine Kinder immer leben.

ZWEI:

Somewhere along the line I knew there would be girls, visions, everything, somewhere along the line the pearl would be handed to me. Jack Kerouac, On the Road

Hier treffen sich Lieblings-Bücher und Zitate. Ich bin in meinen Zwanzigern einer von diesen jungen Menschen seit 1957 gewesen, die von den Büchern der Beat Generation, auf die Straße gebracht wurden, die einfach losmachten und schauten, was es gab da draußen. Anhalter fahren, Reisen ohne Plan, Freiheit testen, Exzesse und Niederlagen, Irrungen und viel flüchtiger Spass. Mancher mag sich auf diesem Weg selbst begegnet sein und dann darüber geschrieben haben. Und ein paar haben die Phase einfach beendet und sind – ich nenne es mal „nützliche Teile“ der Gesellschaft geworden.

Ich kann trotzdem bis heute keine nächtlichen Solo-Autofahrten machen ohne an On the Road zu denken, ich kann noch immer die ersten Zeilen von Howl auswendig und habe beim Versuch die beiden Welten (Beat und Bundesrepublik) damals sogar zwei Jahre an einer Doktorarbeit über die zivilreligiösen Wurzeln der Beat Generation geschrieben – bevor ich verstand, dass ich zwar schreiben will, aber nicht für die Uni.
Das Zitat fand ich in einem meiner Reisetagebücher als Motto. Es kondensiert den Tanz zwischen Banalität und Lebensklugheit, zwischen Bewegung und Hoffnung, Männlichkeit und Mystik, den man in allen Büchern von Kerouac findet. Er war der hübsche Loner, der Mitfahrer und Beobachter, der später in Katholizismus und Alkoholismus versank, als sein Leben und Werk nicht mehr in Deckung kamen. Die maximale Fallhöhe, das maximale Selbstbewusstsein und die ganz US-typische Bindungslosigkeit bei dem gleichzeitig ganz großen Wunsch nach Tiefe – das finde ich noch immer in seinen Büchern und beim Lesen dieser einen, hoffnungsvoll naiven Zeile.

DREI:

Ein Schiff ist im Hafen sicher, aber das ist nicht, wofür Schiffe da sind.
(Plakat im Hafen von Dublin)

Alleinreisen ist ja was Tolles. Und schrecklich. Man begegnet sich die ganze Zeit selbst (besonders den eigenen Unfähigkeiten), ist sehr wach, entdeckt in Alltagssituationen Symbole über unser Leben oder in den Blicken einer Fremden das ganze Dilemma der Gefühle. So wach und dünnhäutig ist man nur allein in fremden Städten und Ländern.

Nach Dublin bin ich irgendwann in den Nullerjahren allein gereist, die Band U2 baute gerade im Hafen ein gläsernes Hochhaus,…aber noch war es nicht so irre teuer und der Crash 2008 sollte erst noch kommen.
Ich lief planlos herum, trank ab mittags Guinness und wusste auch angeduselt nicht, was ich eigentlich suchte – fand aber auch wenig Überraschendes in der Stadt.
Bin mit einem Bus raus gefahren ans Meer, die Klippen entlang gewandert und dort endlich dieses Inselgefühl bekommen. Zurück in die Stadt im Dauerregen bei einer Platte von der irischen Band The Frames im Bus heulen müssen. Es war eine komische Zeit. Aber Alleinreisen war genau das richtige Komisch oben drauf.

Am alten Hafen von Dublin entdeckte ich abends das Poster der Unitarischen Kirche. Taugt als Lebensmotto, dachte ich. Seltsam, dass Irland nie eine Seefahrer- oder Entdeckernation war – obwohl sie ja eine Schiffsbaunation waren und in Belfast z.B. die Titanic bauten. Aber sie liebten offenbar zu sehr ihren Hafen.

Deswegen war der Spruch wohl auch keine Seefahrerweisheit. Ein Schiff wird gebaut, dann fährt es los und kehrt vielleicht nie zurück. Unser Leben ist dieses Schiff, der Hafen die heimische Scholle, die Familie, das vertraute Leben. Vielleicht geht es auch darum, wie man ein Jemand wird, sobald man Menschen (Ländern, Abenteuern) begegnet. Wir suchen, versuchen, entdecken – das wäre sonst kein Leben. Aber dafür müssen wir gar nicht wortwörtlich reisen oder aufs Meer hinaus fahren. Aber wir müssen, glaube ich, immer bereit sein, es zu tun.

Reihe: 6aus49 – die Bücher

Reihe: 6aus49 – die Bücher

Kurz vor meinem 50sten und mit einer Lottoscheinmetapher im Kopf entstand die Idee: 6 unterschiedlichste Dinge vorzustellen, die für mich in den vergangenen 49 Jahren wichtig waren oder sind (von Orten über Kunst bis Gegenstände). Mehr zur Idee hier.

6 Bücher aus 50 Jahren, plus SUPERZAHL. Uff… 60 wären leichter. Aber los…:

EINS: „Die Jungens von Burg Schreckenstein“. Die habe ich so ab 9 oder 10 geliebt. Jungens – mit “s” hinten dran. Die 50er / 60er Jahre waren nicht so weit weg und sind auch in den Büchern noch spürbar – wenn auch schon die neue Zeit durchschimmert. So fiel irgendwann auch das “s” weg.
Worum ging es? Kinder einer Internatsschule, die frech sind, die eigen sind, nicht nur folgsam, brav und fleißig, Lehrer, die etwas zu sagen haben und als Action im Buch fast schon harmlose, immer keusche Streiche und Abenteuer.

Es ging in den Geschichten immer auch um Ehrlichkeit, Verantwortung und Kameradschaft. Alles „Tugenden“, die in der Nazizeit gern und oft für alles mögliche herhalten mussten und die der Autor (geboren 1921) sicher erlebt hat. Hassencamp münzt diese Tugenden in seinen Büchern aber zu Freundschaft und Gemeinschaft und Vertrauen um – was nun wieder Eigenschaften sind, bei denen Freiheit und Offenheit geradezu lebenswichtig sind. Und so lasen die Bücher sich damals.

Ich wollte damals sogar in meiner Schule einführen, dass freiwillig niemand von anderen abschreibt und die Lehrer uns darin vertrauen und während der Klassenarbeit den Raum verlassen. Einfach, weil man auf Schreckenstein sagte, die eigene Leistung sei ermogelt nichts wert… Die Idee scheiterte nicht nur an den Klassenkameraden.
Da wusste ich aber auch noch nicht, dass es im deutschen Schulsystem (bis heute) genügt, auf den Punkt lernen, dann zu vergessen, nachzuplappern und auswendig zu lernen, um hernach gute Noten zu bekommen. Und dass die bequeme Lüge eben oft das gleiche Ergebnis bringt. Man darf danach dann nur nicht mehr dran denken. Der Gedanke aber, dass Literatur Handlungsanweisungen fürs Leben bereithält, blieb von damals hängen.

ZWEI: Vom Internat ging es als Kind der 1980er direkt in die Stephen King Phase: ES, Friedhof der Kuscheltiere und vor allem Brennen muss Salem – und fast alles, was noch kam, auch die Science Fiction Bücher wie Todesmarsch oder Running Man.
Bei der Lektüre war ich oft gezwungen, nachts das Licht am Bett anzulassen oder zumindest so lang zu lesen, bis alles gut endete.
Kings Bücher verbinde ich mit der gemusterten Frotteebettwäsche meines Kinderzimmers, der grünen Fanta Flasche neben dem Bett (ja, ich hatte viel Karies!) und langen, leeren Sonntagnachmittagen, die mit King Sinn bekamen – bevor ab 17.50 Uhr Ein Colt für alle Fälle begann und irgendwann Freundinnen ins Spiel kamen.
Als dann die Verfilmungen entstanden und durch die Bank (bis auf Shining und Stand by me) eine Enttäuschung waren, verstand ich zum ersten Mal, dass auch das tollste Buch als Film nicht funktionieren muss. Überhaupt, dass die scheinbar gefällige Kunstform Film, die ja alles für den Konsum und das Gefühl mitliefert, höchstens über zwei Ecken mit Büchern verwandt ist.

Stephen King halten viele immer noch für einen Unterhaltungsautor oder Horrorschriftsteller. Seine Büchern sind jedoch voller großer Themen und Anspielungen: Trauer, Melancholie, Verlust, Depression, Midlife-Jugenderinnerungen und Kleinstadtwelten, die über Amerika genau so viel erzählen wie die Bücher von Jonathan Franzen oder Philip Roth.

DREI: Mit 17 oder 18 kam erst eine Hermann Hesse und dann, mit vielleicht 20, eine Paul Auster Phase. Beide Autoren animierten mich, selbst zu schreiben. Tagebuch schreibe ich zwar seit ich 11 bin, aber sich etwas auszudenken, eine Geschichte zu erfinden, das schien mir lange so fern, wie der Wunsch, als Navajo Medizinmann zu leben oder wie Larry Bird oder Michael Jordan Basektball zu spielen. Aber mal ein Gedicht oder einen Dialog in einer kurzen Szene zu schreiben, dazu wurde ich durch Austers Bücher ermutigt. Das war dann zwar fast alles Mist, aber darum ging es nicht. Seitdem trage ich immer ein Notizbuch bei mir.

Paul Austers Meisterwerke sind für mich Leviathan und Moon Palace.
Leviathan verbinde ich bis heute mit meinem ersten Zimmer in Berlin Schöneberg mit Kachelofen, mit einem unfassbar kalten Winter und Erinnerungen an eine Reise in die USA mit meinem besten Freund einige Monate zuvor – auf Autofahren dort, einen angefahren Hund, den wir erschiessen mussten, auf Städte im Nirgendwo und New York New York – vom Buch in meine Erinnerung und zurück nach 1995 – während ich auf meinem bevorzugten Leseplatz auf dem Futonbett liege oder auf einem unbequemen Caféhausstuhl im Obst&Gemüse, Oranienburger Straße, hocke.

Moonpalace dagegen ist Vor-Ort Lektüre geworden, fast schon eine Spiegelung des Romans im Reallife: Gekauft in NY 1996, signiert von Auster auf einer Lesung im Washington Square Park und dann gelesen auf meinem mehrmonatigen VW Bulli Trip zur Westküste – durch alle US Klischees und Fantasien und Freakwelten, die man sich denken kann: sternenstrahlende Prärienächte, Naturwunder aller Art, Motorradtreffen, Hippiekommunen und Indianerreservate, riesige Malls, Einsamkeit, Zweisamkeit, Gemeinschaft. Einer Reise wie die von Marco Stanley Fogg durch die Städte, den weiten Westen, durch Bücher und Zufälle hinein in sein Leben, das für mich nach meiner Reise auch eine andere Wendung nahm. Mich überzeugte, im Schreiben Glück zu finden – völlig unabhängig davon, ob es je jemand lesen wird. Und so ist es immer noch.

VIER: Zwei schmale Bändchen von Michael Ondaatje fallen mir immer ein, wenn es um bleibende Lektüreeindrücke geht. Buddy Boldens Blues und The collected works of Billy the Kid. Ondaatje kennen alle nur als Autor von Der Englische Patient – seine frühesten fragmentarischen, eigenartig collagierten, schmalen Bücher sind ganz anders toll.

Ich weiß nicht mehr, ob ich meinem besten Freund oder er mir eines der beiden schenkte. Aber wegen der Gespräche mit ihm und unserer ungelenken Versuche, diese Bücher zu verstehen oder zumindest zu verstehen, was sie mit uns machen, stehen sie für mich für die Kraft der Literatur, Menschen zusammen und zum Nachdenken zu bringen. Um von einem Text angestachelt sich gegenseitig zu befeuern mit Ideen – wie Jazzmusiker in einem Konzert mit ihren Soli, noch eine und noch eine Assoziation und Idee anfügen.

Ich weiß gar nicht mehr, was genau in den Büchern passiert (so geht es mir mit den meisten Romanen allerdings), aber ich spüre noch die Gespräche bei viel Bier über sie und was sie mit dem Leben, unserem Leben zu tun hatten und haben, mit Liebe, Lust, Vergänglichkeit, Freiheit und Tod. Und ich lernte, wie Sprache auch ohne nacherzähltaugliche Geschichte, in der schon ihr Drehbuch steckt, Kraft und Tiefgang erzeugen kann. Durch Worte eine Welt erschafft, die nicht auf Handlung, sondern auf Wahrnehmung basiert. Wie ein Gedicht, das den Leser immer wieder nur auf sich selbst zurückwirft und ihn in die Welt hineinstellt, statt ihn wie ein unterhaltsamer, spannender Krimi aus ihr herauszunehmen.
Wenn ich genau wissen will, wo ich gerade, wer ich gerade bin, lese ich Ondaatje. Oder W.G. Sebald. Oder Knausgard. Oder Gedichte.

FÜNF: Während einer zweischneidigen Beziehung in Berlin, wohnhaft in einer WG mit drei Frauen, und kurz vor einer Entscheidung, die sich anfühlte wie „für den Rest des Lebens“, stieß ich auf James Salters Buch Lichtjahre. Eine Ehegeschichte (wieder USA, ich bin da eindeutig befangen, was den westlichen Blick und anglo-europäischen Kulturraum und auch die Affinität zu Middleclass Geschichten angeht!), die frühen 60er und 70er Jahre. Klingt erstmal nicht aufregend. Und außer normales Leben passiert auch nicht viel. Oder sehr viel.
Die Prägnanz der Sprache, die Nüchternheit, die erst Glanz und Glamour und viel shiny Oberfläche schildert, bald Sexpraktiken und Verrat und tiefstes Glück und Trauer, Lügen und Schmerz – das hat mich damals erst umgehauen und dann geradezu verrückt gemacht. Wie kann jemand so schreiben?
Habe dann Anfang der Nullerjahre innerhalb von ein paar Monaten alles gelesen, was von Salter veröffentlicht war – und fand diesen Sound, dieses Gefühl sowohl in der Bergsteigergeschichte Solo Faces, in den Kurzgeschichten, in seiner Autobiografie Burning the Days und zehn Jahres später in seinem allerletzten Roman, All that is von 2013, den er mit über 85 kurz vor seinem Tod schrieb – und der genauso scheißgut ist, wie alles andere von ihm. Beängstigend.

Lichtjahre jedenfalls trieb mich wochenlang um. Wenn alles Schöne irgendwann stirbt, wenn das bloße Vergehen der Zeit Familie und Liebe zerstört, was soll man dann tun – stattdessen tun? Etwa nicht lieben. Nicht weitermachen? Die Figuren im Buch haben Angst vor dem Abschied von der eigenen Jugend – und machen aber weiter, verlieren Nähe und Glück, bis sie nur noch die Mauern ihrer Häuser und Apartments und Erinnerungen haben. Heute wohl nicht seltsam, dass mich das kurz vor meinem 30sten Geburtstag anrührte.

Ich war mit dem Studium fertig, stand vor einem Leben als tüchtiger Erwachsener und in einer gerade beginnenden Beziehung, die von Anfang an kein Glück, aber zumindest Gemeinsamkeit versprach. Ich war noch eher jung, verstand aber genug, um berührt zu werden. Heute mit fast 50 weiß ich aber wohl erst, was Salter meinte als er über die Hauptfigur kurz vor ihrem Tod schrieb: „Ihr Leben war wie eine einzige schöne Stunde.“ Die Zeit rast und jeder erlebte Moment, wird mit seinem Verlust bezahlt. Aber deswegen zählt ja jeder Moment, mit denen, die man liebt.

SECHS: Bis heute ergreift mich The Sheltering Sky von Paul Bowles auf seltsame Weise – und das, obwohl es auch das Lieblingsbuch einer Person ist, die ich schrecklich finde. Etwas, dass mich immer verunsichert hat, wenn mir unangenehme, ja unerträgliche Menschen ein Buch toll finden, das mir auch etwas bedeutet.
Der Roman spielt in Marokko, schwelgt aber nicht im Orientalismus. Er hat stattdessen einen prae-post-kolonialen Blick auf Marokko, ganz ohne westliche Arroganz oder Wehmut. Hier treffen Westler und Nordafrikaner als Menschen aufeinander. Trotz des Alters des Romans (1949 publiziert), spricht es für die Klugheit, Offenheit und Klarheit von Bowles, dass darin kein Gefälle beim Blick auf weiße und nicht-weiße Menschen und ihre Kultur zu spüren ist. Eher lesen wir von selbstbewussten Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft unterschiedliche Entscheidungen treffen. Getrieben von dem, was sie erstreben oder wovor sie davonlaufen, wem sie gehorchen oder gegen was sie rebellieren. Und das Bild von dem schützenden Himmel, hinter dem der kalte Weltraum wartet, prägte sich mir ein.

Kitschiger ist die Filmfassung geraten, in der der edle, wilde Berber mit den tollen Augen am Ende die schöne weiße Frau in eine King-Kong artigen Beziehung zieht. Wie bei Salter wird auf unerbittliche Art von Beziehung und Tod erzählt, von unerfüllten Wünschen und Träumen in Bewegung. In mir löste das Lesen damals ein Ziehen im Bauch aus, das als Erinnerung bis heute nachhallt, sicher 20 Jahre später. Eine unlösbarer Mischung aus Fern- und Heimweh, die mich immer begleitete und in diesem Buch kondensierte. Ich muss nur den Umschlag im Regal sehen und das Ziehen ist wieder ein bisschen da. „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen“, sagte der gute Nietzsche.

SUPERZAHL: “Alles Licht, das wir nicht sehen” von Anthony Doerr ist die Superzahl, weil es für etwas steht, das bei der Lektüre der ersten 6 Zahlen noch nicht zu meinem Leben gehörte. Eigene Kinder. Eine eigene Familie. Habe (ohne es zu merken vermutlich) viele Familiengeschichten seitdem anders gelesen. Hatte Vaterrollen anders verstanden, oder missverständen und vielleicht überhaupt erst verstanden.
Würde ich beispielsweise heute nochmal “Die Korrekturen” von Jonathan Franzen lesen, wäre das eine andere Geschichte. Aufs Vatersein bereiten einen auch 100 Romane oder Familienfilme nicht vor.

Doerrs Buch ist gar kein Familienroman und mir doch für immer für “Vater&Kind” in Erinnerung. Was weniger am Inhalt, sondern eher an dem Augenblick liegt, als ich das Buch schloß. Sommer 2015, Italien…

Zunächst erzählt Doerr über 530 Seiten von einem Mädchen, das ohne Vater, im Haus des exzentrischen Onkels und dessen Haushälterin die Besatzung durch die Nazis zu überstehen versucht. Und erzählt vom naturtalentierten Radio-Techniker Werner, Waise aus dem Ruhrgebiet, dann Napola-Eliteschüler, mit maximaler Anpassungsfähigkeit und Gefallsucht ausgestattet, der am Ende zwangsrekrutiert wird für die Wehrmacht und Piratensender der Partisanen aufspürt. Die beiden Figuren näherns sich ohne von einander zu wissen allmählich an und kommen sich am Ende sehr nah.

In zwei Epilogen wird die Vergangenheit bis in die Gegenwart verlängert. Die Gegenwart, das war dann auch mein Moment in der Toskana, der Augenblick, als ich aufschaute, dabei noch das Bild im Kopf, wie die alte Frau (das Mädchen von damals) durch Paris davongeht. Gleichzeitig stand meine Tochter, gerade vier Jahre alt, vor mir im Sonnenlicht, lächelnd, mit Sand vom Strand auf der Nase und noch nassen Haaren. Sie beobachte mich auf dieser Holzbank, wo ich die letzte Stunde gelesen hatte. Und das war der Moment. Ein Augenblick augenblicklich dabei, sich in der Zeit aufzulösen. Mir fiel ein, wie einen Tag zuvor mein Sohn plötzlich losgerobbt war und sich über den Steinboden in dem alten Bauernhof, in dem wir wohnten, auf Richtung Tür gemacht hatte.
So schufen die letzten Bildern der Geschichte vor meinem inneren Auge, der Anblick meiner lächlenden Kleinen und die Erinnerung, wie mein Sohn hinaus ins Leben wollte, einen gemeinsamen Moment. So sehr jetzt und hier und flüchtig und herrlich und zugleich traurig, dass mit die Tränen in den Augen stiegen. Ich weiß bis heute, wie meine Tochter sich anfühlte (aufgeheizt von der Sonne) und wonach ihre Haare rochen (einem Feldweg nach dem Regen) und wie ich mich fühlte: Am Leben. Im Leben. Angekommen.
Bücher können Türen öffnen, die man nie wieder zubekommt.

Weitere wichtige Bücher waren:

Richard Ford: Die Bascombe Romane Sportreporter, Unabhängigkeitstag, Die Lage des Landes, Let me be Frank
Atonement von Ian McEwan
Das indische Nachtstück von Antonio Tabucchi (ein so feines, kompaktes, kluges und tiefsinniges Buch)
Die Romane von Ralf Rothman, besonders Milch und Kohle
Richard McGuire: Hier – Graphic Novel fast ohne Text, die vom Leben und Sterben erzählt wie kein anderes Buch
Jahrestage von Uwe Johnson (gelesen Jahrhundertsommer 2003 in Paris, während drückender Tage und schlafloser Nächte)
Der Adler der 9. Legion (bei dem ich, weil so begeistert, erreichte, dass wir es als Schullektüre in der 8. Klasse lasen und das ich als Gutenachtgeschichte in freier Form meinen Kindern erzählt habe auf einer langen Reise)
Generation X (natürlich in all dem geballten Wutrant und einer Kulturtkritik, ganz ohne Internet, von der trotzdem vieles heute noch immer gilt)
Dos Passos USA Trilogie
Karl-Ove Knausgard: Kämpfen / Lieben / Träumen (auf knapp 3000 Seiten Einblick in ein fremdes Leben, dessen Gedanken über sich und Unfähigkeiten und seltsame Entscheidungen erstaunliche Gemeinsamkeiten aufwies und kluge Hilfe im profanen, normalen, unscheinbaren Leben bot)
Rainald Goetz grandioses Johann Holtrop, diese west-deutsche Win&Wahngeschichte
Denis Johnson Schon Tot
Ernst Augustin Raumlicht (mein erster deutscher Roman mit bleibenden Folgen)
Christoph Ransmeyer Die letzte Welt
Nicholson Baker: Eine Schachtel Streichhölzer (ein Buch, das die Einfachheit feiert, den Alltag und den Blick auf die kleinen und kleinsten Dinge lenkt, die das Leben ausmachen – neben den wenigen großen Momenten)
Ralph Ellison Der Unsichtbare Mann.