6aus49 – Die NÄCHTE (Nr. 1 u. 2)

6aus49 – Die NÄCHTE (Nr. 1 u. 2)

Die Nacht hat 1000 Augen. Toller Noir Film mit Edward G. Robinson, aber doch nicht so gut wie der Titel. Wer blickt denn da mit tausend Augen? Meist wir selbst auf uns. Tragen einen Anzug mit Augen wie einst Freddy Mercury. Aber wie oft ist, was die Nacht an Exzess und Lust und Klarheit brachte, im Hellen betrachtet banal und leer? All die besoffenen Entscheidungen oder die bekiffen Erkenntnisse – am Morgen bleib nur ein Zettel mit unverständlichem Gebrabbel und Erinnerungen an ein Gefühl, nicht das Gefühl selbst.

In der Nacht ist unser Denken entweder wild und klar oder ganz abgeschaltet beim Tanz bis in den Morgen, da regiert uns das Unbewusste in Träumen oder es quälen To-Do Listen und Sorgen in der Schlaflosigkeit. Oder wir sind nicht allein in unserem Bett und finden für ein paar Stunden zusammen im Dunkeln Klarheit. Die meisten Nächte sind einfach nur nötig und scheinbar sinnlos und versinken ohne Erinnerung zwischen den Tagen.

Um zu spüren, was Angst ist, was richtiges Alleinsein bedeutet, wie es für die vielen zehntausend Jahre gewesen sein muss, bevor erst Feuer dann der Strom kam, dafür müssen wir raus in die Natur unter den Sternen oder an einem tosenden Meer oder auf einem Berg in Stille und Nacht sitzen und hören, ahnen, zittern und den 1000 Augen begegnen.

Ich habe die Nacht so geliebt wie genossen für sicher 25 Jahre. Und dann kamen meine Kinder. Ende dieses Lebens, Anfang eines neuen. Für etwas „Nachtleben“ stand ich eine Weile um 5 auf, lesen, schreiben, den Tag erfassen. Dann Programm abspulen. Und leider fast nie vor Mitternacht ins Bett. Mich hält bis heute abends eine seltsame Unruhe wach, als würde ich etwas verpassen – als würde ich mein Leben verpassen, wenn ich um 10 ins Bette gehe.

Die Nacht ist bis heute der Ort geblieben, wo ich näher dran bin. An mir, am Text, am kränkelnden Kind in meinem Arm, an meiner Frau oder den Gedanken um und über alles mögliche. Sechs + eine Erinnerung an Nächte, die bis heute etwas bedeuten.

Die ZAHL 1
BERGHÜTTE, Zillertal Ende der 90er
Weil die Diplomarbeit anstand, und weil Berlin mit seinen 1000 Verlockungen und den 1000 nächtlichen Augen und Ablenkungen für einen undisziplinierten Menschen wie mich die größtmögliche Herausforderung darstellte, und weil ich die Berge liebe und weil mein Vetter eine Hütte im Zillertal hatte, die 10 Mark am Tag kostete und fernab vom Dorf auf einem Berg stand – fuhr ich im Sommer 1998 mit dem Zug dorthin. Um zwei Wochen konzentriert nur zu Lesen und zu schreiben. Allein. Ohne Handy (hatte ich nicht). Ohne irgendwas und irgendwen. Im Rucksack nur 15 kg Papier, Bücher in zwei Taschen und Bergausrüstung.

Mein Diplomthema drehte sich um Religion in den USA – in ihrer politischen Form. Wie nutzen Politiker die alten Erzählungen für ihre Zwecke, – auch für politische Religionen wie den Kommunismus oder den Nationalsozialismus. „Was ist Religion“ wollte ich am Anfang und da auf der Hütte klären. Vermessen. Viel zu groß. Aber ich dachte wohl, „Aim high, and you won’t shoot your foot off“.
So manche Selbstüberzeugte hatte ja da in der Einsamkeit seine Begegnung mit Gott oder dem Teufel oder der Essenz des Seins. Moses mit einem brennenden Busch in der Wüste genauso wie Jesus in der Wüste nach 40 Tagen fasten und kurz vor seinem ersten Auftritt, wie Buddha unter einem Baum oder Mohammed auf einem Berg oder wie mancher in der Wüste von New Mexiko von Ufos entführt wurde. Der Mensch ist nicht gern allein, aber es scheint ihm gut zu tun, wenn er etwas schaffen will – oder vorhat, wahnsinnig zu werden. Auch wahnsinnig erfolgreich.

Ich hörte einmal auf dem Berg angekommen dann zwei Wochen viel Ö3 Radio im kleinen Batterieradio, um nicht mit mir selbst zu reden, machte aufwendig lange Einkaufswanderungen ins Tal, um nicht nur in der Hütte zu sitzen, erklomm die umliegenden Gipfel und las abends Romane. Die Hütte hatte kein Bad, nur einen Viehtrog vor der Tür, keinen Strom, nur Gaslampen und einen Holzofen zum Kochen und Heizen. Hätte ich ein Handy gehabt und schon flächendeckend Internet, Netflix, Mails, WhatsApp, Insta… ich wäre wohl nie fertig geworden. Ich hätte vermutlich nichtmal angefangen. Das gelang dann aber zu Glück.

Die Nächte allein auf einem Berg sind seltsam. Urängste steigen auf in der Dunkelheit und fast absoluten Stille. Was, wenn Tiere kommen (welche denn, fragte ich mich morgens im Hellen dann immer), was wenn „jemand“ kommt (warum? um Emil Durkheim Arbeit über Formen religiösen Lebens zu lesen?), was, wenn ich nicht einschlafen kann? Was mir immer gelang. Dennoch die Angst hervorgerufen durch die Abgeschiedenheit, der ich durch Schlaf eine Weile entkam.
Nach etwa zehn Tagen ereignete sich diese Nacht, die – wäre ich ein bisschen schlafloser, sendungsbewusster und irre – zu meiner Epiphania hätte werden können. Dann würde ich jetzt entweder auf einer Kiste an einer Straßenkreuzung stehen oder hätte eine Megakirche gegründet und wäre ein reicher Mann.

Den Tag hatte ich in der Hütte verbracht und geschrieben, während die ersten noch entfernten Donner durch Tal liefen. In den Rauchpausen ging ich auf dem Balkon mit Blick ins Tal. Die Blitze stießen auf die Gipfel wie Finger. Als es dämmerte, zogen Wolken ins Tal, die unter mit lagen, wie eine weiße Decke über das Dorf geworfen. Da schlug ein Blitz waagerecht über den Himmel, einige Kilometer lang. Als würde die Schale um unsere Erde zerbrechen und wir augenblicklich alle ins All gesaugt.
Dann folgte ein Donner, der für Sekunden alles erzittern ließ und durchs ganze Tal rollte. In den nächsten Minuten zogen die Wolken hoch und höher und hüllten bald die Hütte und mich darin ein. Alles war dunkel und vollkommen still. Wenn ich die Gaslaterne auf dem Balkon hochhob, reflektiere der Nebel nur ihr Licht zurück. Meine Stimme klang, als ob ich in einer Kiste läge. Ich konnte vor der Hütte stehend nichts sehen, machte ein paar Schritte hinaus auf die Wiese und hört nur das Rauschen in meinen Ohren und meinen Herzschlag. Ich drehte mich um und ging zurück als da ein Zischen und eine Stimme hinter mir war. Die Haare auf meinen Armen in im Nacken stellten sich auf. Ich drehte mich nicht um, ging hinein, verschloss Türen und Fenster, konzentrierte mich auf das Knistern des Lichts und rettete mich in Gedanken.

Es entstand in der Nacht eine Kurzgeschichte, die alles in sich trug, was ich so an falschen Entscheidungen, Trennungen, Illusionen und Lügen in den Monaten und Jahren zuvor angesammelt hatte. Kaum lesbar heute, voller Metaphern und doppelten Bedeutungen, Anweisungen und Heulsusereien. Zeugnis eines wirren Geistes, eines Suchenden, der aber so etwas gefunden hat. Wenn auch nur eine Form, noch nicht den passenden Inhalt. Zum Glück hörte ich in der Nacht keine Stimmen in meinem Kopf oder hatte gar eine Begegnung der dritten Art. Ich begegnete nur meinen eigenen Dämonen, stand an den Abgründen des Innern. Als es hell wurde, die Sonne hinter dem Gipfel links aufging, traf ich eine noch heute richtige Entscheidung und legte mich schlafen.

Die ZAHL 2
Café Schwarzsauer, Berin, div. Nächte

Wieviele Jahre von den bald 50 ich zusammengerechnet in irgendeiner Kneipe verbracht haben mag. Ein halbes Jahr dürfte es sicher gewesen sein. Begonnen mit 16, als es noch ein Kneipenviertel in Dortmund gab und als man als junger Mensch auch noch in Kneipen ging, statt nur zu Haus zu trinken. Wir waren jedes Wochenende im Treibhaus, in der Galerie, im Schaf und soffen Brinkhoffs oder hockten in den Freistunden im Grammophon neben der Schule. Ich habe in den folgenden Jahren zahllose welterklärende, wirre, witzige Gespräche an den Tresen auf drei Kontinenten geführt, dazu zahllose trübe, lüsterne, traurige, wirre, suchende und leere Blicke verteilt und erhalten. Die Nacht macht wach und wild. Der ungeplante Exzess, die Straße nach Süden. Die Debatten schienen Jahr für Jahr wilder und zugleich vergeblicher bis sinnlos zu werden. Aber sie schufen hunderte herrliche Abende.

In Berlin zu Becks im Delicous Doughnut oder Hackbarths oder bis in die früh im Schwarzen Café tief im Westen – oder eben, meist ganz am Ende, hinter dem Ende eigentlich, im Schwarzsauer auf der Kastanienallee. Da fand immer der letzte Versuch statt, sich einen Reim auf all das da draußen und hier drinnen zu machen. Heiser gesungene katalanische Straßensänger, Volksbühnenprominenz, Suff- und Laberköppe, kritzelnde Dichter und Erste Dates und allerlei Vor- und Nachglühleute saßen hier, ob um 11, 1 oder 4 Uhr oder wenn dann wirklich alle losmussten – und noch einen letzten nahmen.

Das Schwarzsauer bis heute der letzte verlässliche Ort eines schon mehrfach untergegangenen Prenzlauerbergs: vor der Wende nur eine graue Ecke, nach der Wende schnell wilde Meile und das Schwarzsauer erstes Haus am Platz. Nach Gentrifizierung und Verbürgerlichung der letzten 15 Jahre immer noch da. Zusammen mit dem „Lass und Freunde bleiben“ etwas weiter, hab ich nie einen Laden so sehr dafür geliebt, dass er es schafft, unmerklich die tagsüber gelingende Caféhausatmosphäre ab der Dämmerung in eine ebenso gelungene Barstimmung zu verschieben, eine solche Unruhe in einem zu schaffen und Erwartungen an die Nacht zu wecken, dass man sitzten bleibt. Oder geht und wieder kommt.
Die Nacht der 1000 Augen – hier gab es sie ganz wörtlich durch all die Leute und Leben, die im Laden saßen im Verlauf eines Abends und einer Nacht. Und all die Menschen, die vor dem großen Schaufenster auf dem Gehsteig vorbeiliefen, die man nie wiedersehen wird, nie treffen wird, es sei denn man steht kurz auf und lädt zu einem Drink ein oder wird eingeladen. Einen noch, komm, wird gleich hell.

Zahlen 3-6 + Superzahl folgen...

6aus49 – Die Fotografien

6aus49 – Die Fotografien

(Zu dieser Reihe in meinem 49. Lebensjahr siehe hier)
Ich hatte 1985 mein Kinderzimmer mit Windsurfpostern tapeziert. Sie sollten mich weniger ans Surfen, so glaube ich heute, als an meinen ersten Surflehrer Robert erinnern – und mahnen, was man mit seinem Leben so machen kann. Mit 15 ist man empfänglich für „ganz anders als die Eltern“.
Wie das alles zusammenhängt, all die Verkleidungen und Rollenspiele der Pubertät (Klamotten, Musikwahl, falsche Freunde, kein Bock auf Schule oder Zielstrebigkeit, cool oder dagegen usw.) zeigt sich als Muster im Rückblick. Was die diversen Richtungen, Umwege, Abbrüche und Neuanfänge, aber auch die scheinbar nebensächlichen Dinge wie Fotos, Bücher, Filme aus der Jugendzeit verbindet, ist eine bestimmte Art die Welt zu sehen und darin seinen Platz zu suchen.

Robert arbeitete ein halbes Jahr als Surflehrer auf Korfu und betrieb im Winter eine Kneipe im Schwarzwald. Das war sehr weit weg von den mir bekannten Lebensentwürfen. Er war männlich – im besten Sinn auch des 21. Jahrhunderts. Er war tiefenentspannt, locker und immer interessiert und aufmerksam. Er kannte viele Leute, er war viel unterwegs und hatte doch seine Homebase in dieser Holzhütte im Schwarzwald. Und er war, da auf dem Brett, wenn er über die Wellen flog, ganz bei sich.

So hängte ich mir nach dem Urlaub ohne genau zu wissen, was ich damit meinte, Robby Naish Poster an die Wände, trug Surf-T-Shirts – bin aber höchstens noch ein duzend mal wirklich Windsurfen gegangen. Ich mag Wassersport gar nicht besonders. Es ging um etwas anderes. Er wurde mein erstes Rolemodel.

Fotos sind meine Form der „Carpe Diem!“ Ermahnung und Richtungsanzeiger. Erst Windsurfbilder für frei, draußen, mutig, like Robert. Es folgten Schwarz-Weiß Aufnahmen von Jazz Musikern für cool, improvisiert und gekonnt und den Reiz des Unbekannten, der in dieser Musik steckt, der Mut, jedesmal wieder nicht zu wissen, wo es einen hinführt. Aber auch Jazz Musiker bin ich dann nicht geworden.

Von den Jazzbildern führte der nächste Schritt Richtung Fotografie als Kunst, also eine fast unendlche Vielfalt an Themen und Perspektiven jenseits von Surfen und Jazz.
Schließlich wollte ich auch selbst und kaufte ich mir eine Nikon F3, entwickelte in der Dunkelkammer mit einem Freund Bilder und sammelte 30 Jahre aberhunderte Schwarz-Weiß Kontaktabzüge und mehrere zehntausend Bilder auf der Festplatte.
Material für eventuelle Cybermobbing Kampagnen ist auch dabei – aber vor allem viele hundert mal die Erkenntnis, dass uns so viele Menschen und Momente abhanden kommen im Lauf des Lebens.

Für mich ging es beim Fotografieren, seit ich mit sieben oder acht mit meiner Ritschratsch Kleinbildkamera die selbstgebauten Playmobil Szenerien fotografierte, ums Festhalten. Nur das. Ein Moment der Freude, der Nähe, des „Bei-sich-sein“. Es ist alles da, jetzt, hier. Und es fliegt davon. Was kann man schon machen, außer es aufzuschreiben und versuchen, Bilder davon zu schießen?

Und auch wenn viele Aufnahmen heute nur noch mir etwas sagen, also Schnappschüsse sind, die meine Kinder irgendwann wegwerfen werden, weil sie nicht mal wissen wo oder wer das war, so können hoffentlich in manchen der Fotos auch andere etwas entdecken. Vielleicht könnten meine Kinder sogar mich entdecken. Vergleichbar damit, wenn eine biografisch inspirierte Geschichte jemand anderen bewegt und so zu Literatur wird, aber doch auch immer auf den Autor verweist.

In den besten Fotografien findet sich auf geheimnisvolle Weise alles Davor und Danach, sie weisen über Zeitpunkt und Ausschnitt des Fotos und damit die Absicht des Fotografen hinaus. Sie stehen für sich, dokumentieren zugleich, wie das Leben sich anfühlte, in dem Augenblick. In meinen Fotos sieht man auch, wie ich das Leben gern sehen würde oder wie es sich am besten immer anfühlen sollte.

So kann eine Fotografie trotz der extremen Reduzierung auf den Bruchteil einer Sekunde, wenn der Kameraverschluss sich wie ein Vorhang vor der Welt öffnet, ein ganzes Leben erzählen. Oder auch nur eine Geschichte im Kopf des Betrachters. Ein Foto kann vom Leben an sich erzählen, von Liebe, Verlust, Freude und Freiheit, von Unendlichkeit genauso wie von einer bestimmten Sekunde in dem Leben eines bestimmten, vielleicht längst vergessenen Menschen.

Wir fotografieren nur, was sie sehen können. Und bevor man den Auslöser drückt, löste der Moment im Fotografen etwas aus.

Die folgenden 6 plus Superzahl Fotografen und eine Fotografin begleiten mich schon lang. Es sind vier Amerikaner, ein Italiener und zwei Deutsche. Sie – stellvertretend für viele andere – vermitteln mir, worauf es ankommt, beim Fotografieren. Und im Leben: Los, geh raus, mach einfach! Alles ist schon da und nichts wird bleiben.

Zahl EINS
August Sander, Der Maler A.R., ca. 1927 (copyright August Sander Archiv)

Obwohl mir Fotos von Städten, Straßen und Landschaften meist mehr liegen, sind die Portraits von August Sander in ihrer Nüchternheit und Kraft grandios. Seine Fotos von Menschen in bestimten Berufen erzählen über eine Gegenwart und ein Selbstverständnis, das sich in heutigen Berufen kaum noch so sehr in Physis, Gesicht und Ausstrahlung widerspiegelt.

Zahl ZWEI
Jeff Wall: Ellison, Invisible Man, the Preface 2002 (courtesy Galerie Johnen&Schötte)

Ellisons Buch von 1952 ist auch 70 Jahre danach noch zeitgemäß. Black Lives Matter und die damit verbundenen gesellschaftlichen Themen, das Leben als Schwarzer Mensch in Amerika – alles leider immer noch bitter. Mich sprach Jeff Walls moderne Interpretation des Romans, riesig groß, 1,70×2,50 Meter auf einen Leuchtkasten montiert, aus einem ganz anderen Grund an: Die inszenierte Isolation und Konzentration: Ein Mann schreibt ein Buch – und die Welt draußen macht, was sie will.

Zahl DREI
Robert Frank, Nova Scotia, aus The Lines of my hand

Robert Frank ist nicht nur wegen seiner Filme mit und seiner Beziehung zu den Beats, Kerouac, Ginsberg usw. schon lang mein Held. Dieses Buch von 1972 zeigt Frank als Künstler, der keine Angst kennt, der unaufhaltsam seit 60 Jahren seine Motive sucht – und manchmal findet. Einer, der sich auf die alten Zeiten nichts einbildet und um die Flüchtigkeit weiß. Wie das Bild, das er gerade macht, ist er nur jetzt und hier. Er mischte später sein Leben mit dem, was er sah und Text mit Fotografien und öffnete so weitere Bedeutungsebenen. Der fantastische Dokumentarfilm Don’t blink sei jedem empfohlen.

Zahl VIER
Thomas Demand: Badezimmer, 1997 (Galerie Esther Schipper)

Das Badezimmer ist vermutlich die in Deutschland bekannteste Fotografie von Demand. Demand baut Pressofotografien oder eigene Erinnerungen, unbekannte und berüchtigte Orte in Papier nach und fotografiert sie dann. Clean, menschenleer, detailgenau aber völlig ohne Leben und dadurch aufgeladen von Unbewussten und Erinnerungen.
Ob der Eingangsbereich einer Kneipe, wo ein Kind ermordet wurde, ein Großraumbüro, das Oval Office oder Alltagsmomente – alles wirkt zugleich echt wie unecht. Hyperreal. Aber gerade die Perfektion, mit der die Wirklichkeit hier eine neue Wirklichkeit wird, ist faszinierend.

Zahl FÜNF
Vivian Maier, undated und September 26, 1954. New York, NY

Es klingt wie ein Märchen. Eine Frau, die die meiste Zeit ihres Lebens als Kindermädchen arbeitete und dabei täglich fotografierte, hat ein grandioses Talent  – aber lebt Jahrzehnte ohne jede öffentliche Anerkennung. Von den 50ern bis in die 90er Jahre schießt Maier etwa 100.000 Fotos. Als sie im Alter verarmt, werden wegen Mietschulden auch ihre Kisten mit den Negativen versteiget. 2007 geraten einem jungen Immobilienmakler in die Hände. Es entsteht ein Dokumentarfilm. Ihre Bilder stehen heute auf einer Stufe mit den besten Streetfotografen des 20. Jahrhunderts. Sie mischen Schlichtheit und Beiläufigkeit mit Kraft und Tiefe. Die ganze Story so unglaublich und very american wie die Bilder unglaublich gut und very american.
(Details unter Vivian Maier).

Die Zahl: SECHS
Stephen Shore, Grand Street at Mercer Street, New York, New York, February 24, 1974

Auch das scheint verrückt: Die Farbfotografie wurde als Kunstform erst ab den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ernst genommen. Wer Fotokunst machen wollte, schoß in Schwarz-Weiß. Man ist erinnert an die Debatten bei der Erfindung des Tonfilms. William Eggleston und andere brachten die Farbe – und dabei ein Bild der USA, das sich von Automodellen, über Straßenkreuzungen, Landschaften, Verfall und Glamour, bis hin zu Frisuren und Leuchtreklamen in mir festsetze, Sehnsucht auslöst.

DIE SUPERZAHL
1. Campagna marchigiana – courtesy Archivio Mario Giacomelli, Senigallia // 2.Il non ho mani che mi accarezzino il volto, c.1961

Bei Giacomelli kommen mehrere Dinge für mich zusammen: Surrealismus, Schwarz-Weiß und Italien, Menschen und Landschaft, Malerei und Kontraste. Die Aufnahmen wirken oft wie Fotounfälle. Unscharf, verwischt, seltsam über- oder unterbelichtet. Seine Landschaftsaufnahmen könnten (teilweise aus der Luft, als es noch keine Drohnen gab) wie abstrakte Kunst sein, Schraffuren auf weißem Untergrund, Man Ray Fotogramme. Die Bilder haben in den starken Hell-Dunkel Kontrasten einen außer-weltlichen Charakter. Als wäre nicht nur die Zeit als junge Priester lachend tanzten und Witwen alle Schwarz trugen und der Stolz der Armut in Italien lang vorbei, sondern als habe diese Welt schon immer in einem zugleich schönen wie schrecklichen Paralleluniversum existiert.

6aus49 – DIE Platten (Teil 2, Nr 3-6 +Superzahl)

6aus49 – DIE Platten (Teil 2, Nr 3-6 +Superzahl)

Intro und Platten 1 & 2 sind hier…

DREI
PJ – Ten & Vs. (1991 & 1993)
Ich kann die beiden ersten Platten von Pearl Jam nicht trennen, weil sie auf einer TDK90 Cassette in meinem Walkman im ersten Berlin-Winter immer liefen. Immer. Mit Once raus aus der kalten Hinterhofwohnung, über mir graubreiiger Himmel, mit Why Go entlang siffiger Schöneberger Straßen, vorbei am blinkenden Gasometer, dann zu Porch rein in die S-Bahn und raus zur Uni – teigige Gesichter in Schals gewickelt bei Minus 15 Grad. Alive war ich zwar, aber mies drauf…

Irgendwann im Februar oder März, nach über 40 Tagen ohne Sonnenschein (ein Freund hatte mitgezählt), fing ich plötzlich im Supermarkt das Heulen an. Winterdepression kannte ich bis dahin nichtmal als Wort. Danach war klar, ein Gegengewicht muss her. Und scheiße, ich wohn doch in Berlin. Also mehr raus, mehr Delicious Doughnut Club, mehr Kellerbars durch Löcher im Boden zu betreten, mehr Becksbier und weniger Schlaf. Und Pearl Jam lauter hören. Therapie glückte.

Wegen dieser zwei Platten bewarb ich mich ein Jahr darauf für ein Auslandsjahr in Seattle – das ich bekam – voller Hoffnung natürlich, PJ in ihrer Heimatstadt live zu sehen. Die spielten dann mit neuer, fantastischer Platte No Code (immer noch die beste von allen!) in der Deutschlandhalle in Berlin („Umjubelte Antistars“ titelte Das Neue Deutschland) und ich lauschte dem Konzert in der Küche des Hauses in Seattle. Erst 2000, open Air Wuhlheide endlich live… und dann immer.
Funfact: Chris Cornelis Band Soundgarden, die sich mit PJ später den Drummer teilte, löste sich just auf, als ich Karten für ihr Konzert in Seattle hatte. Die sah ich schließlich vor ein paar 100 Leuten in Dortmunds FZW zur Reunion 2012.

VIER
Frank Sinatra, diverse (1970&80er)
Verbunden, wie könnte es anders sein, mit meinem Vater. Der hörte ihn. Und Fast Domino. Und Louis Armstrong. Das war die Musik seiner Jugend nach dem Krieg. Von Rock’n’Roll wie den Stones oder den Beatles gab es bei uns keine Platten. Dafür aber auch keine Schlagersscheisse.
Ohnehin spielte Musik keine große Rolle bei uns, mal abgesehen vom sonntäglichen Klassikpotpourri, das meine Mutter auflegte oder irgendwelchen Hit- oder Partysamplern, die man auf den vielen, sehr vielen Feiern bei uns zu Hause zu Pils und Schappes auflegte. 
Und irgendwann nach 2 Uhr auch Sinatra. Die „New York New York Platte“ (Trilogy: Past-Present-Future) natürlich, an der seit 1980 keiner vorbeikam. Da war Frank schon 64, die Platte mit all den Evergreens gehören eigentlich zu seinem zweiten, bis dritten Comeback. Power und Melancholie in Franks Stimme gepaart mit dem eigenen alkoholbedingte Schwermut nach dem Exzess machen diese Platte zum perfekten Abend-Abbinder.
Für meine Eltern damals – wie für mich heute – kam dazu wohl die leise Ahnung, dass die Zeit, die hinter einem liegt definitiv länger ist, als die Zeit, die noch vor einem liegt. Auch darüber singt Franky ja. It was a very good year. Dieser tolle Song ist zwar auf einer anderen Platte, aber für mich die Essenz des späten Sinatra.

FÜNF
Jackie McLean, It’s time (1964)
Ja, der Jazz. Altherrenmusik. Geliebt auch von Leuten, die so verengt Musik hören, dass sie fast alles jenseits von Jazz – und auch, was im Jazz nach 1970 (Miles Davis Bitches Brew Album) passierte – nicht interessiert. Leute, die endlos über Fingertechnik oder Aufnahmesysteme oder Synkopen erzählen und dabei ihre Goaties zwirbeln. Klischees ihrer selbst. Lehrer hören Jazz.

Jazz war aber mein Punk – nur ohne Lederjacke. Genau so wild und frei und im Moment wie Pistols oder Ramones – nur vielleicht nicht so dreckig und laut. Das offensive „DagEEEEgen!“ hatte der Jazz nicht. Dafür ein etwas abgehobenes „Fuck Off“, das mir gefiel. Nämlich „Fuck off, wenn ich es dir erklären muss, wirst du es eh nie verstehen.”
Jazz war den meisten Bekannten und Freunden nichtmal interessant genug, ihn scheiße zu finden. Für mich öffnete er kulturell Türen zu Literatur und Filmen der 50er & 60er Jahre, zur Afro-Amerikanischen Kultur und sogar zum Blues, den ja eigentlich kaum jemand unter 30 hört. Ich spielte mit 20 sogar in einer Blues Band (für Jazz war ich nicht gut genug). Und selbst HipHop, der mich damals nie packte, konnte ich über den Umweg des Jazz (Jazzmatazz, Spike Lees Mo Better Blues, Us3, MS Solar, The Roots) ertragen.

Meine CBGB Momente waren 1989 zwei Sets im Village Vanguard und eine Session im Smalls in New York, wo ein paar 14-19 Jährige einer nach dem anderen für ihr Solo auf die Bühne gingen – und j.e.d.e.r einzelne alle Musiker, Profis und Amateure, die ich bis dahin in deutschen Clubs so hatte spielen sehen, in nur 8 Takten erledigt hätten. Danach fuhren wir jedes Jahr aufs North Sea Jazz Festival in Den Haag und gingen Plattenkaufen, begannen Instrumente zu spielen und trugen sogar mal Westen.

Jackie McLean entdeckte ich wie das vierblättrige Kleeblatt in einer Kleewiese erst vor einigen Jahren. Aber als ich sein Art Saxophon, seine Stücke und die Improvisationen hörte, wusste ich es: Das ist er – mehr sogar als Coltrane oder Stitt, Rollins, Adderley oder Carter – das ist mein Sound. Frei und harmonisch, zeitweise am Free kratzend, dabei so hard wie blues aus Bird Parker und Branford Marsalis. McLeans Platten laufen immer, wenn ich nicht weiß, was ich hören will oder nicht weiß, was was gerade los ist. Danach ist’s wieder klar: It’s time!

SECHS
Radiohead- Ok Computer (1997)
Noch ein Beleg dafür, dass prägende Bands lang an einem vorbeigehen können und dass da draußen Musik existiert, in die man eintauchen könnte, die fantastisch, klug, vielseitig, bewegend, politisch und komplex ist, die man lieben kann – aber von der man NICHT weiß. Und ein Beweis, dass prägende Musik immer auch mit prägenden Lebensphasen zusammenfällt.

93 hörte ich Creep bestimmt auf Studentenparties. Aber da lief ja viel Indiezeug oder Crossover und bemüht rebellisches Zeug. Auch das zweite Radiohead Album – nie bewusst gehört. Erst Ok Computer, wie so oft eine Empfehlung von den Besserhörern in meinem Umfeld, schlug die Tür auf. Und die ist nie wieder zugegangen.
97/98 war dann aber eben auch persönlich Umbruch, Studium zu Ende, Beziehung zu Ende, Reise back to Seattle, back to some old Love Affairs, scheißteure Telefonate mit Hongkong von Münzfernsprechern an irgendeinem Motel und dabei Ok Computer im Ohr.…Paranoid Android – das war ich. Und With no alarms and no surprises wäre ich gern gewesen – stimmungsmäßig.
Neben Pearl Jam (siehe oben) und Arcade Fire (Gründe siehe hier) ist Radiohead vermutlich die dritte Band, deren Werk ich auf die einsame Insel mitnehmen würde.
Unvergessen das Konzert am 11. September 2001 in der Wuhlheide, wo es mangels Handys für alle eine Menge Zuhörer gab, die noch gar nicht wussten, was passiert war – und dann von Thom Yorke und Band durch einen sehr seltsamen Abend begleitet wurden. „Nichts, aber auch gar nichts gibt es zu sagen“, meinte York bloß Und dann meinten Radiohead, dass egen Trauer und Wut  nur reiner Rockrausch helfen. Und den gab es.

SUPERZAHL
Message in a Box – The Complete Recordings of The Police
Supersuperschwer diese Auswahl. Am Platten und CD Regal gehe ich erst gar nicht vorbei, weil dann werden zig unmögliche Entscheidungen nötig. Also einfach Erinnerungen und Namen kommen lassen. Und dann geht kein Weg vorbei an dieser Band. Eigentlich das einzige Trio jenseits Jimmy Hendrix, Nirvana und ZZ Top, das mit 4 oder 5 Leuten auf der Bühne nur verloren hätte.
Stewart Copeland ist für mich als Ex-Drummer Gott gewesen. Genau die Kombi aus technisch genial, dabei voller Stil und Kraft und eigenem Sound und Kopf und musikalischem Verständnis. Mit Sting als Songschreiber und dieser großen Stimme und Andy Summers als stilles Genie an der Gitarre.

Ich mag von Police alle Alben und jeden Song – und musste doch wie bei so vielen Bands (REM, Genesis, Level 42, Simple Minds …) als Jungspund erstmal feststellen, dass sie schon länger Platten machten – Platten, die mir dann sogar meist besser gefielen als die Platte, mit der ich sie kennenlernte. Bei Police war meine erste ihre letzte LP: Synchronicity.

Die VHS Cassete von einem Konzert der dazugehörigen Tour habe ich Jahre später zig mal gesehen bei dem Versuch Copeland seine Drum Breaks und Hi-Hat Zaubereien zu entlocken. Zu dem Konzert 1983 in der Westfalenhalle hat mich aber leider keiner meiner Geschwister mitgenommen. Was wohl aus mir geworden wäre? Vielleicht wäre die Matt Bianco / The Curiosity Killed The Cat-Popper-Phase an mir vorbeigegangen und ich hätte ohne Umwege Qualität und Eigensinn in der Musik gesucht statt im Mainstream mitzuschwimmen.

Bis ich so 87/88 ans Ufer gespült wurde und von da an zu Fuß gegangen bin – mit vielen guten Scouts im privaten Umfeld und Entdeckungen auf nächtlichen Autofahrten im Radio und Plattenverkäufern mit Ahnung. “Mein System kennt keine Grenzen“, sangen Blumfeld. Und so höre ich schon immer Musik.
Falls Musikgeschmack einen Charakter spiegelt, dann bin ich dort wie hier genau der neugierige Allrounder ohne Spezialwissen. Ich will das gleiche Feeling immer wieder und dann doch was Neues, ich will überrascht werden, aber auch bestätigt, ich will mal umgehauen werden und wieder aufstehen und mal in einem roten Sessel sitzen und nur zuhören.

In den 49 Jahren stecken noch mindestens 6×6 Alben von:
Talk Talk, Neil Young, Jack Johnson, The Dandy Warhols, Noir Desir, The Frames und Glen Hansard, Calexico, Sade, Michael Jackson, Ani di Franco, The National, Bronski Beat, Catpower, Fink, Pino Daniele, Herbert Grönemeyer, Hothouse Flowers, Arcade Fire, Tricky, Prefab Sprout, Morrissey, U2, Bonnie Prince Billy, Modest Mouse, Falco, Modest Mouse, Hayden Bruce Springsteen, Damien Jurado, PJ Harvey, Grandaddy, Billy Idol, Alanis Morissette, The Eels, Lenny Kravitz, Elton John, Nick Cave, Mogwai, Fiona Apple, Benjamin Biolay, Dead Can Dance, Oasis, Blur, Brand New Heavies, Supergrass, Frankie Goes to Hollywood, Paul Weller, The Verve, Björk, Portishead, Massive Attack, David Bowie, LCD Soundsystem, Bob Dylan, Miles Davis, Joshua Redman, Tilmann Rosmy, 16 Horsepower und David Eugene Edwards, Metallica, Rachmaninov, The Doors, Maceo Parker, und Steve Reich, Living Colour, Red Hot Chilli Peppers, Sceaming Trees, Nirvana, Smashing Pumpkins, The Tea Party, TAD, Rage against the Machine, Madrugada, The Stone Temple Pilots, Simply Red und Tori Amos.

6 aus 49 – Die Platten (Teil 1)

6 aus 49 – Die Platten (Teil 1)

INTRO: Kurz vor meinem 50sten und mit einer Lottoscheinmetapher im Kopf entstand die Idee: 6 unterschiedlichste Dinge vorzustellen, die für mich in den vergangenen 49 Jahren wichtig waren. Alle Details hier.

Musik war früher wichtiger als heute. Damals sortierten sich ganze Cliquen und Untergruppen und Szenen entlang von musikalischen Linien. Gibt es heute sicher auch noch, aber mit ganz viel Fusion und Überschneidung und noch mehr „Kenn ich nicht.“ Sagt der alte Mann…
Kenn ich nicht, gab es für 70er/80er Musikfans fast nicht. Man kannte, was es gab, alles was bei Life Music in der Dortmunder Innenstadt im Plattenregal der Neuheiten stand, alles was Mal Sondocks Hitparade spielte, alles bei Formel Eins und für die Nebensektionen was in den Abendprogrammen im Radio lief – in seiner ganzen Breite von Yello bis Motörhead. Wer Musik mochte, hörte sie (erstmal noch) nicht nebenbei, während er am Handy Nachrichten schrieb. Intensivste Musikhörerlebnisse stammten vom zu Haus auf dem Teppich liegen und hören. Erst der Walkman macht dann das eigene Leben zum Film mit Soundtrack.

Musik hat bei mir Menschen sortiert: Ich konnte nicht mit jemandem zusammen sein, der Modern Talking hört, aber auch auf keinen Fall mit einer, die Reggae mag. Wer Wave hörte oder Punk, hatte eigentlich immer ältere Geschwister und damit einen frühgereiften Musikgeschmack, der mich verunsicherte. So jemand verfügte über eine Art Geheimwissen. Wer aber mit 16 schon Rock hörte oder Schlager cool fand, war zu sehr wie seine Eltern. Und wer mit Talk Talk oder Talking Heads nichts anfangen konnte, hatte auch später nur geringste Chancen, Musikgeschmack zu entwickeln. Das waren so meine zarten Erkenntnisse.

Wie bei 9/11 oder als die Berliner Mauer fiel, weiß ich genau, wo ich war, als ich eine bestimmte Platte zum ersten mal hörte: Stings Dream of the Blue Turtles, geliehen von Daggi, auf meinem braunen Teppich im Kinderzimmer, kühl war es, draußen aber Sonne, es sollte Königsberger Klopse geben. Dazu passt Meat is Murder von The Smiths, geliehen von einem Nachbarsjungen (mit älterem Bruder) und zum ersten Mal oben auf der DUAL Anlage meines Vaters gehört. Ich wusste sofort, das ist besonders, konnte aber mit Morrissey Stimme noch nichts anfangen. Nirvana, Smells Like Teen Spirit: Im Auto auf der Fahrt nach Hause nach einer Nachtschicht, Durchstraße Dortmund, Fahrtrichtung Höchsten – den dunkelgrünen Golf von Mutter angehalten, bis das Lied zu Ende war. Sprachlos. 5 Jahre später habe ich in Seattle gewohnt.

Vielleicht ist meine musikalische Beschränktheit/Faulheit/Arroganz heute auch bloss Überdruss. Hab alles, was ich brauche, könnte problemlos nie wieder neue Musik hören. Alterserscheinungen… Oder weil die aktuelle Musik unerträglich ist. Oder weil ich bei gelegentlichen Netz/Spotify/Zeitschriften Recherchen das Alherrengefühl dominiert: Alles schon besser gehört.
Vermutlich deswegen, und weil Musik einen macht, wenn man noch formbar ist – also so bis 25(?) – sind die Mehrzahl der Platten auf dieser 6aus49 plus Superzahl Liste im letzten Jahrhundert erschienen. Ich könnte aber sicher zwei Wochen lang jeden Tag 6 andere nennen, die auch wichtig waren oder sind…aber so ist Lotto.

 

EINS
Tocotronic-Pure Vernunft darf niemals siegen (2005)
Die erste Platte, drei Jungs mit Diskurs-Langhaarfrisur und Trainingsanzügen hatte ich 1996 bei WOM am Kuhdamm in Berlin in der Hand. Reingehören – zögern – was IST das? Durchhören, irgendwie besonders, aber nö…

Dennoch nie vergessen können, was ich da gehört hatte.10 Jahre dauerte es trotzdem: 2005 erschien Pure Vernunft darf niemals siegen. Zuvor hatten Tomte mit Hinter all diesen Fenstern meinen Widerstand gegen deutschen Rock/Pop gebrochen. Dieses Tocotronic Album brauchte auch keine Hilfe mehr von meinen frühinfizierten Freunden, die mir seit Jahren mit Blumfeld und Begemann in den Ohren lagen. Vom ersten bis zum letzten Song ein Treffer: Musikalisch, textlich, atmosphärisch. Unvergessen das Neujahrskonzert am 1. Januar 2005: Tocotronic spielt in der Volksbühne und Dirk von Lotzow heiser, verkatert und stimmwacklig am Anfang. Es wird ein unvergessenes Erlebnis für unsere von der Nacht noch lädierten Hirne und halb geöffneten Herzen and diesem ersten Tag des Jahres.

Seitdem gehören diese Platte und die Tocos so sehr zu meiner musikalischen Sternenkarte, als hätten sie schon immer da oben gefunkelt. Das „Sag Alles Ab“ T-Shirt habe ich seit Jahren immer an, wenn es drauf ankommt.
(Weitere Lieblinge Ja, Panik, Kante, Niels Frevert, Sophie Hunger, Peter Licht, Die Sterne, Gisbert zu Knyphausen)

ZWEI
Simple Minds – Once upon a time (1985)
Handgeschrieben hatte ich alle Texte damals geschenkt bekommen von meiner ersten, ja, Teenagefreundin. Sehr unschuldig wir beide. Ihr älterer Bruder war ein Simple Minds Fan, dadurch sie, dadurch wurde ich einer. Besonders „Whish you where here“ hob sie hervor. Die Botschaft kam an. Ich muss die Platte bis heute hunderte Male gehört haben, und es ist immer noch die einzige LP, von der ich alle Texte auswendig kenne. Es folgen tolle Konzerte, u.a. Westfalenhalle, Steilkurve mit 100erten Fans drauf, darunter wir, stürzt bei Hüpfen und zu Alive & Kicking ein. Kurze Unterbrechung des Konzers, dann geht es weiter… die wilden 80er, aber mal in echt.

Das Live in the City of Life Album war in heavy rotation auf meinem Plattenteller. ich erschloss mir die Vorläufer New Gold Dream und Sparkle in the Rain und malte das Simple Minds Logo mit goldenem Lackstift auf Schulhefte und Rucksäcke.
Aber als vier Jahre später das neue Album erschien, waren Jim Kerr und Kollegen für mich schon eine Weile vorbei. Die Jugend war damals offenbar genau so schnelllebig und flatterhaft wie heute. Und die Freundin gab es da auch nicht mehr.
Simple Minds ist in meiner Vita eine der wenigen Bands, die bei Gesprächen über Musik von 80er Zeitgenossen, die schon damals musikalisch viel sicherer reisten als ich, als auch von Mainstreamern zumindest immer ein Okay bekomme. „Okay, die waren gut.“ Meine zeitweiligen musikalischen Irrungen (ich sag nur Popper! – bis der Jazz kam), die nach Simple Minds eine Weile folgten, werden so wenigstens etwas aufgewogen. Danke Eva.

Die Platten 3-6 + SUPERZAHL im nächsten Teil…

Reihe: 6aus49 – Die Zitate (Zahl 4 bis 6 + Superzahl)

Reihe: 6aus49 – Die Zitate (Zahl 4 bis 6 + Superzahl)

Die Zahlen 1-3 plus Intro HIER.
Und weiter geht es mit dem Zitatereigen der letzten 49 Jahre…

VIER:

Wenn zu perfekt liebe Gott böse.
(Nam Jun Paik)

Ich bin kein Fan von Videokunst. Das meiste Zeitgenössische ist mir zu prätentiös, hingehudelt oder unnötig verrätselt und behauptet viel Bedeutung. Und dann gibt es ein paar die könnte man (fast) perfekt nennen (z.B. diese oder diese). Sie sind es natürlich nicht.
Wer kreativ ist, dem stellt sich irgendwann die Frage nach Qualität. Was ist gut, was ist Mist? Und warum verdammt nochmal gibt es dafür keine Formel? Ob Maler_in, Musiker_in, Autor_in, Filmemacher_in, Bildhauer_in, Dichter_in, Schauspieler_in oder Komponist_in – alle suchen und suchen meist ihr Leben lang und schaffen dabei Kunst, lebendige, erhellende, bereichernde, packende Kunst. Aber bestimmt nicht perfekte Kunst.

Perfektion meint das Beste vom Besten? Fehlerlos? Makellos? Mmmh…
Die kleinen Ungereimtheiten und Macken machen Kunst (und das Leben!) interessant. Tolle Kunst steht am Ende von Gedanken und Zufällen und handwerklichen Fehlern, von Missverständnissen und Widersprüchen und Können plus Zeit.  Sie spenden Luft und Raum zum Denken.
Als gar nicht seltsam, dass gerade in einer Gesellschaft wie Japan, die in so vielen technischen und handwerklichen Bereichen nach Perfektion strebt, auch das Konzept von Wabi-Sabi, eine Art absichtlich hergestellte Unvollkommenheit und Nicht-Perfektion erfunden wurde, die wunderschön ist.
Die perfekte Frau? Den perfekten Mann? Der perfekte Urlaub? Gott wie öde. Perfektion ist im Moment. Sonst liebe Gott böse. Und wir inmitten der großen Frage, warum “Gott” die Welt so seltsam unvollkommen zusammengezimmert hat. Mein Glaube: Damit wir wach und bereit und am Leben sind.

FÜNF:
Der Dude packt das.
(Jeffrey Lebowski)

Ein Kultfilm ist ja eigentlich nur ein Film, der gegen alle Erwartungen Erfolg hat, oder der über die lange Strecke Erfolg hat, eine Fan-Szene schafft und Pop-Referenzen in den Mainstream trägt. Und wenn er dann noch zeitlos gut zu gucken ist…
The Big Lebowski (1998) scheint nach dem genial bös-bitteren Fargo (1996) wie ein Gegengewicht im Werk der Coen Brüder. Der Film besteht aus Freundlichkeit, Gleichmut und einer sympathischer Verbimmeltheit der Hauptfigur Jeffrey The Dude Lebowski. Aus der Haltung des Dude lässt siche eine lebens-philosophische Maxime zimmern: Man verhalte sich jederzeit bereit, reagiere aber stets stoisch gegenüber den menschlichen Ab- und Beweggründen und erhole sich vom Streß, den die Welt sich selbst macht, mit Fluchen und Bowling. Ob irre Nihilisten-Nazis, falsche Millionäre, furchtbare aber fruchtbare Künstlerin, Pornoproduzent oder Taxifahrer mit überraschendem Musikgeschmack, ob tanzender Vermieter oder Provinz-Detektiv – Du sollst staunen, lächeln und lässig kommentieren – und dich aufs Wesentliche konzentrieren. So einer ist der Dude. Er packt es. Seine oft unverstandene Ironie, sein großes Herz, seine Verlässlichkeit gepaart mit Antriebslosigkeit, seine im wahrsten Sinne selbstverwirklichte Work-Life Balance ist bewundernswert. Und so wird mein jährliches Lebowski-Gucken auch Meditation über die Frage, worauf es ankommt. Die Antwort gibt immer der Cowboy. Und der Boden eines White Russian Glases.

SECHS:
Ich höre auf das, was ich weglassen kann.
(Miles Davis)

Ghost Note – Was wir nicht hören, aber vermissen würden, wäre es nicht da. Das ist die Ghost Note. Miles war ein Meister dieser Auslassung, ja ganzer Tonreihen, die er nicht spielte und die das Eigentliche noch betonten. Ein künstlerisches Paradox. Wie die Länge einer Pause zwischen zwei Sätzen das Gesagte verändert, wie das Unsichtbare außerhalb des Ausschnitts eines Fotos immer mitgedacht wird und das (sichtbare) Bild beeinflusst, wie die Lücken zwischen einem Jump-Cut im Film von unserem Kopf mit Sinn verknüpft werden.
Vom berühmten Autor Raymond Carver sagt man, sein Lektor habe bei den Kurzgeschichten immer die zwei, drei letzten Absätze rigoros gestrichen – worauf diese eigenartigen Enden, in unser Leben außerhalb des Buches ragten und zu einem Faktor des „Carver Stils“ wurde.
Miles wusste immer, was er spielen und was er weglassen musste. Auch im Leben war er Künstler. Und für mich als Texter dient das Miles Zitat als Maxime: Es gibt kein zu kurz. Es gibt aber sehr oft zu viel, zu lang und breit. Und natürlich lässt sich das auch aufs Leben anwenden. Dumme Leute, dumme Jobs, überflüssiger Kram, Fast Food, schlechte Bücher und Filme, nicht zu rettende Gespräche oder Beziehungen…. usw. usf.

SUPERZAHL:
So can you understand
Why I want a daughter while I’m still young?
I want to hold her hand
And show her some beauty
Before this damage is done
But if it’s too much to ask
If it’s too much to ask
Then send me a son
(Arcade Fire)

Fan der ersten Stunde dieser unglaublichen Band. Begann mit den paar 100 Leuten im Columbia Club in Berlin – geflogt von 2010, einem sehr, sehr bewegten Jahr inklusive Abbruch des einen, Beginn eines neuen Lebens. Und die Band brachte The Suburbs heraus. Mein Album zum Umbruch, zum Point of no return und der Heimkehr in jeder Bedeutung des Wortes.
Das gleichnamige Lied mit der Stophe oben traf mich direkt beim ersten Hören. Ich kann mich heute noch an den Moment erinnern und irgendwo hinten im Nacken kribbelt es wieder.

Die ganze fantastische Platte traf, bevor ich einige Monate später selbst Vater einer Tochter wurde, wenn auch so gar nicht mehr „still young“, sondern 40. Die noch nicht geborene Tochter hörte auf einem Konzert in Düsseldorf im Bauch ihrer schönen Mutter, die uns eben mit diesem Bauch ganz vorn an die Bühne brachte. What a night es wurde. Keine Ahnung ob ich je bei einem Konzert mehr am Leben war.

Die Band, dieses Album, das Konzert und dieses Lied wird ewig mit dem Jahr und all dem Guten&Schönen verbunden sein, das damals begann. Und bei jedem Konzert zerreißen die Töne und Worte von The Surburbs alle Schmutzschichten und Schutzschichten – und der weite Weg aus meinen eigenen Suburbs zum Jetzt&Hier wird wieder spürbar.

Sometimes I can’t believe it
I’m moving past the feeling again