Reihe: 6aus49 – Die Zitate (Zahl 1 bis 3)

Reihe: 6aus49 – Die Zitate (Zahl 1 bis 3)

Kluge Frauen und Männer gibt es viele. Witzige nicht ganz so viele. Und ganz wenige, die es zusammenbringen. Und dann gibt es die tollen, mies gelaunten Schweremüter, die klar sehen. In den vergangen fünf Jahrzehnten hingen immer wieder mal Zettel über meinem Schreibtisch mit Zitaten oder Aphorismen oder dummen kleinen Insider-Sprüchen, denen es gelang, dem Leben und Sein eine Erkenntnis abzuringen und über zwei oder auch mal fünf Sätzen zu kondensieren.

Natürlich stehen die auch immer für eine bestimmte Laune, Frage oder Stimmung in meinem Leben, sind Zeitgeist im besten Sinn – auch in ihrer Banalität oder weil das pop-kulturelle Zeichenspielchen einfach Spass macht. Wer hat auch den Film gesehen, kennt diese Zeile aus dem Song, hat das auch schon erlebt? – ein Zitatezeige&Ratespiel. Ein bisschen Eitelkeit ist natürlich auch dabei, wenn man Zitate postet, an der Wand aufhängt oder als Email Signatur benutzt oder auf T-Shirts druckt.

Ich habe die „6 aus 49 plus Superzahl“-Zitate gesucht, die mir noch heute was sagen, oder wo ich mich zumindest an den Grund erinnere, warum ich die mal gut fand. Die meisten sind hoffentlich nicht bloß schlaumeierisch, sondern ein bisschenb klug, witzig, mit doppeltem Boden oder sie entwickeln in ihrer Trübsinnigkeit Kraft.

EINS:

“Welchen Tag haben wir?” fragte Pooh. “Es ist heute!“, quiekte Ferkel. “Mein Lieblingstag!”
Aus Winnie Pooh

Das ist das eine Vorlesebuch für Kinder, bei dem die vorlesenden Eltern nicht am liebsten aufstöhnen würden über die sprachliche Unterforderung, die banale Lebensphilosophie und Zeigefingerpädagogik so vieler andere „Vorlesebücher“.
Manchmal war es mir sogar etwas zu kompliziert erzählt: Wer spricht da jetzt? Christopher Robin oder Vater von Christopher Robin, wer erzählt das alles über Pooh, Ferkel, I-Ah, Ruh, Kaninchen usw.? Vielleicht war ich auch nur müde – im Gegensatz zu den Kindern neben mir.

Dümmliche Helden haben in Film und Literatur nicht den besten Ruf. Pooht weiß, dass er ein Bär “von geringem Verstand“ ist. Vielleicht kommt er ja deswegen so gut klar. Weil er die Dinge nicht so ernst nimmt und trotzdem versteht, weil er einfach mal Sachen probiert und wenn er aufs Maul fällt, eben mehr weiß. Weil er Freunde hat und Freunden hilft, weil er das Leben liebt. Und er muss dabei nicht immer das Richtige tun oder die Geschichte beeinflussen oder „das Herz am rechten Fleck haben“ wie der unerträgliche Bruder im Geist Forrest Gump.
Das tolle Zitat kommt dann aber von Ferkel, dem kleinen Freund, der im Buch unsere Ängstlichkeit und Vorsicht repräsentiert. Dass ausgerechnet Ferkel ganz buddhistisch im Jetzt lebt, wie das Zitat belegt, ist eine herrliche Idee, die jedem ängstlichen Menschen als einzigen Ratschlag genügen könnte. Und so fröhlich-optimistisch wie Ferkels Worte, wünschte ich mir, würden meine Kinder immer leben.

ZWEI:

Somewhere along the line I knew there would be girls, visions, everything, somewhere along the line the pearl would be handed to me. Jack Kerouac, On the Road

Hier treffen sich Lieblings-Bücher und Zitate. Ich bin in meinen Zwanzigern einer von diesen jungen Menschen seit 1957 gewesen, die von den Büchern der Beat Generation, auf die Straße gebracht wurden, die einfach losmachten und schauten, was es gab da draußen. Anhalter fahren, Reisen ohne Plan, Freiheit testen, Exzesse und Niederlagen, Irrungen und viel flüchtiger Spass. Mancher mag sich auf diesem Weg selbst begegnet sein und dann darüber geschrieben haben. Und ein paar haben die Phase einfach beendet und sind – ich nenne es mal „nützliche Teile“ der Gesellschaft geworden.

Ich kann trotzdem bis heute keine nächtlichen Solo-Autofahrten machen ohne an On the Road zu denken, ich kann noch immer die ersten Zeilen von Howl auswendig und habe beim Versuch die beiden Welten (Beat und Bundesrepublik) damals sogar zwei Jahre an einer Doktorarbeit über die zivilreligiösen Wurzeln der Beat Generation geschrieben – bevor ich verstand, dass ich zwar schreiben will, aber nicht für die Uni.
Das Zitat fand ich in einem meiner Reisetagebücher als Motto. Es kondensiert den Tanz zwischen Banalität und Lebensklugheit, zwischen Bewegung und Hoffnung, Männlichkeit und Mystik, den man in allen Büchern von Kerouac findet. Er war der hübsche Loner, der Mitfahrer und Beobachter, der später in Katholizismus und Alkoholismus versank, als sein Leben und Werk nicht mehr in Deckung kamen. Die maximale Fallhöhe, das maximale Selbstbewusstsein und die ganz US-typische Bindungslosigkeit bei dem gleichzeitig ganz großen Wunsch nach Tiefe – das finde ich noch immer in seinen Büchern und beim Lesen dieser einen, hoffnungsvoll naiven Zeile.

DREI:

Ein Schiff ist im Hafen sicher, aber das ist nicht, wofür Schiffe da sind.
(Plakat im Hafen von Dublin)

Alleinreisen ist ja was Tolles. Und schrecklich. Man begegnet sich die ganze Zeit selbst (besonders den eigenen Unfähigkeiten), ist sehr wach, entdeckt in Alltagssituationen Symbole über unser Leben oder in den Blicken einer Fremden das ganze Dilemma der Gefühle. So wach und dünnhäutig ist man nur allein in fremden Städten und Ländern.

Nach Dublin bin ich irgendwann in den Nullerjahren allein gereist, die Band U2 baute gerade im Hafen ein gläsernes Hochhaus,…aber noch war es nicht so irre teuer und der Crash 2008 sollte erst noch kommen.
Ich lief planlos herum, trank ab mittags Guinness und wusste auch angeduselt nicht, was ich eigentlich suchte – fand aber auch wenig Überraschendes in der Stadt.
Bin mit einem Bus raus gefahren ans Meer, die Klippen entlang gewandert und dort endlich dieses Inselgefühl bekommen. Zurück in die Stadt im Dauerregen bei einer Platte von der irischen Band The Frames im Bus heulen müssen. Es war eine komische Zeit. Aber Alleinreisen war genau das richtige Komisch oben drauf.

Am alten Hafen von Dublin entdeckte ich abends das Poster der Unitarischen Kirche. Taugt als Lebensmotto, dachte ich. Seltsam, dass Irland nie eine Seefahrer- oder Entdeckernation war – obwohl sie ja eine Schiffsbaunation waren und in Belfast z.B. die Titanic bauten. Aber sie liebten offenbar zu sehr ihren Hafen.

Deswegen war der Spruch wohl auch keine Seefahrerweisheit. Ein Schiff wird gebaut, dann fährt es los und kehrt vielleicht nie zurück. Unser Leben ist dieses Schiff, der Hafen die heimische Scholle, die Familie, das vertraute Leben. Vielleicht geht es auch darum, wie man ein Jemand wird, sobald man Menschen (Ländern, Abenteuern) begegnet. Wir suchen, versuchen, entdecken – das wäre sonst kein Leben. Aber dafür müssen wir gar nicht wortwörtlich reisen oder aufs Meer hinaus fahren. Aber wir müssen, glaube ich, immer bereit sein, es zu tun.

Reihe: 6aus49 – die Bücher

Reihe: 6aus49 – die Bücher

Kurz vor meinem 50sten und mit einer Lottoscheinmetapher im Kopf entstand die Idee: 6 unterschiedlichste Dinge vorzustellen, die für mich in den vergangenen 49 Jahren wichtig waren oder sind (von Orten über Kunst bis Gegenstände). Mehr zur Idee hier.

6 Bücher aus 50 Jahren, plus SUPERZAHL. Uff… 60 wären leichter. Aber los…:

EINS: „Die Jungens von Burg Schreckenstein“. Die habe ich so ab 9 oder 10 geliebt. Jungens – mit “s” hinten dran. Die 50er / 60er Jahre waren nicht so weit weg und sind auch in den Büchern noch spürbar – wenn auch schon die neue Zeit durchschimmert. So fiel irgendwann auch das “s” weg.
Worum ging es? Kinder einer Internatsschule, die frech sind, die eigen sind, nicht nur folgsam, brav und fleißig, Lehrer, die etwas zu sagen haben und als Action im Buch fast schon harmlose, immer keusche Streiche und Abenteuer.

Es ging in den Geschichten immer auch um Ehrlichkeit, Verantwortung und Kameradschaft. Alles „Tugenden“, die in der Nazizeit gern und oft für alles mögliche herhalten mussten und die der Autor (geboren 1921) sicher erlebt hat. Hassencamp münzt diese Tugenden in seinen Büchern aber zu Freundschaft und Gemeinschaft und Vertrauen um – was nun wieder Eigenschaften sind, bei denen Freiheit und Offenheit geradezu lebenswichtig sind. Und so lasen die Bücher sich damals.

Ich wollte damals sogar in meiner Schule einführen, dass freiwillig niemand von anderen abschreibt und die Lehrer uns darin vertrauen und während der Klassenarbeit den Raum verlassen. Einfach, weil man auf Schreckenstein sagte, die eigene Leistung sei ermogelt nichts wert… Die Idee scheiterte nicht nur an den Klassenkameraden.
Da wusste ich aber auch noch nicht, dass es im deutschen Schulsystem (bis heute) genügt, auf den Punkt lernen, dann zu vergessen, nachzuplappern und auswendig zu lernen, um hernach gute Noten zu bekommen. Und dass die bequeme Lüge eben oft das gleiche Ergebnis bringt. Man darf danach dann nur nicht mehr dran denken. Der Gedanke aber, dass Literatur Handlungsanweisungen fürs Leben bereithält, blieb von damals hängen.

ZWEI: Vom Internat ging es als Kind der 1980er direkt in die Stephen King Phase: ES, Friedhof der Kuscheltiere und vor allem Brennen muss Salem – und fast alles, was noch kam, auch die Science Fiction Bücher wie Todesmarsch oder Running Man.
Bei der Lektüre war ich oft gezwungen, nachts das Licht am Bett anzulassen oder zumindest so lang zu lesen, bis alles gut endete.
Kings Bücher verbinde ich mit der gemusterten Frotteebettwäsche meines Kinderzimmers, der grünen Fanta Flasche neben dem Bett (ja, ich hatte viel Karies!) und langen, leeren Sonntagnachmittagen, die mit King Sinn bekamen – bevor ab 17.50 Uhr Ein Colt für alle Fälle begann und irgendwann Freundinnen ins Spiel kamen.
Als dann die Verfilmungen entstanden und durch die Bank (bis auf Shining und Stand by me) eine Enttäuschung waren, verstand ich zum ersten Mal, dass auch das tollste Buch als Film nicht funktionieren muss. Überhaupt, dass die scheinbar gefällige Kunstform Film, die ja alles für den Konsum und das Gefühl mitliefert, höchstens über zwei Ecken mit Büchern verwandt ist.

Stephen King halten viele immer noch für einen Unterhaltungsautor oder Horrorschriftsteller. Seine Büchern sind jedoch voller großer Themen und Anspielungen: Trauer, Melancholie, Verlust, Depression, Midlife-Jugenderinnerungen und Kleinstadtwelten, die über Amerika genau so viel erzählen wie die Bücher von Jonathan Franzen oder Philip Roth.

DREI: Mit 17 oder 18 kam erst eine Hermann Hesse und dann, mit vielleicht 20, eine Paul Auster Phase. Beide Autoren animierten mich, selbst zu schreiben. Tagebuch schreibe ich zwar seit ich 11 bin, aber sich etwas auszudenken, eine Geschichte zu erfinden, das schien mir lange so fern, wie der Wunsch, als Navajo Medizinmann zu leben oder wie Larry Bird oder Michael Jordan Basektball zu spielen. Aber mal ein Gedicht oder einen Dialog in einer kurzen Szene zu schreiben, dazu wurde ich durch Austers Bücher ermutigt. Das war dann zwar fast alles Mist, aber darum ging es nicht. Seitdem trage ich immer ein Notizbuch bei mir.

Paul Austers Meisterwerke sind für mich Leviathan und Moon Palace.
Leviathan verbinde ich bis heute mit meinem ersten Zimmer in Berlin Schöneberg mit Kachelofen, mit einem unfassbar kalten Winter und Erinnerungen an eine Reise in die USA mit meinem besten Freund einige Monate zuvor – auf Autofahren dort, einen angefahren Hund, den wir erschiessen mussten, auf Städte im Nirgendwo und New York New York – vom Buch in meine Erinnerung und zurück nach 1995 – während ich auf meinem bevorzugten Leseplatz auf dem Futonbett liege oder auf einem unbequemen Caféhausstuhl im Obst&Gemüse, Oranienburger Straße, hocke.

Moonpalace dagegen ist Vor-Ort Lektüre geworden, fast schon eine Spiegelung des Romans im Reallife: Gekauft in NY 1996, signiert von Auster auf einer Lesung im Washington Square Park und dann gelesen auf meinem mehrmonatigen VW Bulli Trip zur Westküste – durch alle US Klischees und Fantasien und Freakwelten, die man sich denken kann: sternenstrahlende Prärienächte, Naturwunder aller Art, Motorradtreffen, Hippiekommunen und Indianerreservate, riesige Malls, Einsamkeit, Zweisamkeit, Gemeinschaft. Einer Reise wie die von Marco Stanley Fogg durch die Städte, den weiten Westen, durch Bücher und Zufälle hinein in sein Leben, das für mich nach meiner Reise auch eine andere Wendung nahm. Mich überzeugte, im Schreiben Glück zu finden – völlig unabhängig davon, ob es je jemand lesen wird. Und so ist es immer noch.

VIER: Zwei schmale Bändchen von Michael Ondaatje fallen mir immer ein, wenn es um bleibende Lektüreeindrücke geht. Buddy Boldens Blues und The collected works of Billy the Kid. Ondaatje kennen alle nur als Autor von Der Englische Patient – seine frühesten fragmentarischen, eigenartig collagierten, schmalen Bücher sind ganz anders toll.

Ich weiß nicht mehr, ob ich meinem besten Freund oder er mir eines der beiden schenkte. Aber wegen der Gespräche mit ihm und unserer ungelenken Versuche, diese Bücher zu verstehen oder zumindest zu verstehen, was sie mit uns machen, stehen sie für mich für die Kraft der Literatur, Menschen zusammen und zum Nachdenken zu bringen. Um von einem Text angestachelt sich gegenseitig zu befeuern mit Ideen – wie Jazzmusiker in einem Konzert mit ihren Soli, noch eine und noch eine Assoziation und Idee anfügen.

Ich weiß gar nicht mehr, was genau in den Büchern passiert (so geht es mir mit den meisten Romanen allerdings), aber ich spüre noch die Gespräche bei viel Bier über sie und was sie mit dem Leben, unserem Leben zu tun hatten und haben, mit Liebe, Lust, Vergänglichkeit, Freiheit und Tod. Und ich lernte, wie Sprache auch ohne nacherzähltaugliche Geschichte, in der schon ihr Drehbuch steckt, Kraft und Tiefgang erzeugen kann. Durch Worte eine Welt erschafft, die nicht auf Handlung, sondern auf Wahrnehmung basiert. Wie ein Gedicht, das den Leser immer wieder nur auf sich selbst zurückwirft und ihn in die Welt hineinstellt, statt ihn wie ein unterhaltsamer, spannender Krimi aus ihr herauszunehmen.
Wenn ich genau wissen will, wo ich gerade, wer ich gerade bin, lese ich Ondaatje. Oder W.G. Sebald. Oder Knausgard. Oder Gedichte.

FÜNF: Während einer zweischneidigen Beziehung in Berlin, wohnhaft in einer WG mit drei Frauen, und kurz vor einer Entscheidung, die sich anfühlte wie „für den Rest des Lebens“, stieß ich auf James Salters Buch Lichtjahre. Eine Ehegeschichte (wieder USA, ich bin da eindeutig befangen, was den westlichen Blick und anglo-europäischen Kulturraum und auch die Affinität zu Middleclass Geschichten angeht!), die frühen 60er und 70er Jahre. Klingt erstmal nicht aufregend. Und außer normales Leben passiert auch nicht viel. Oder sehr viel.
Die Prägnanz der Sprache, die Nüchternheit, die erst Glanz und Glamour und viel shiny Oberfläche schildert, bald Sexpraktiken und Verrat und tiefstes Glück und Trauer, Lügen und Schmerz – das hat mich damals erst umgehauen und dann geradezu verrückt gemacht. Wie kann jemand so schreiben?
Habe dann Anfang der Nullerjahre innerhalb von ein paar Monaten alles gelesen, was von Salter veröffentlicht war – und fand diesen Sound, dieses Gefühl sowohl in der Bergsteigergeschichte Solo Faces, in den Kurzgeschichten, in seiner Autobiografie Burning the Days und zehn Jahres später in seinem allerletzten Roman, All that is von 2013, den er mit über 85 kurz vor seinem Tod schrieb – und der genauso scheißgut ist, wie alles andere von ihm. Beängstigend.

Lichtjahre jedenfalls trieb mich wochenlang um. Wenn alles Schöne irgendwann stirbt, wenn das bloße Vergehen der Zeit Familie und Liebe zerstört, was soll man dann tun – stattdessen tun? Etwa nicht lieben. Nicht weitermachen? Die Figuren im Buch haben Angst vor dem Abschied von der eigenen Jugend – und machen aber weiter, verlieren Nähe und Glück, bis sie nur noch die Mauern ihrer Häuser und Apartments und Erinnerungen haben. Heute wohl nicht seltsam, dass mich das kurz vor meinem 30sten Geburtstag anrührte.

Ich war mit dem Studium fertig, stand vor einem Leben als tüchtiger Erwachsener und in einer gerade beginnenden Beziehung, die von Anfang an kein Glück, aber zumindest Gemeinsamkeit versprach. Ich war noch eher jung, verstand aber genug, um berührt zu werden. Heute mit fast 50 weiß ich aber wohl erst, was Salter meinte als er über die Hauptfigur kurz vor ihrem Tod schrieb: „Ihr Leben war wie eine einzige schöne Stunde.“ Die Zeit rast und jeder erlebte Moment, wird mit seinem Verlust bezahlt. Aber deswegen zählt ja jeder Moment, mit denen, die man liebt.

SECHS: Bis heute ergreift mich The Sheltering Sky von Paul Bowles auf seltsame Weise – und das, obwohl es auch das Lieblingsbuch einer Person ist, die ich schrecklich finde. Etwas, dass mich immer verunsichert hat, wenn mir unangenehme, ja unerträgliche Menschen ein Buch toll finden, das mir auch etwas bedeutet.
Der Roman spielt in Marokko, schwelgt aber nicht im Orientalismus. Er hat stattdessen einen prae-post-kolonialen Blick auf Marokko, ganz ohne westliche Arroganz oder Wehmut. Hier treffen Westler und Nordafrikaner als Menschen aufeinander. Trotz des Alters des Romans (1949 publiziert), spricht es für die Klugheit, Offenheit und Klarheit von Bowles, dass darin kein Gefälle beim Blick auf weiße und nicht-weiße Menschen und ihre Kultur zu spüren ist. Eher lesen wir von selbstbewussten Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft unterschiedliche Entscheidungen treffen. Getrieben von dem, was sie erstreben oder wovor sie davonlaufen, wem sie gehorchen oder gegen was sie rebellieren. Und das Bild von dem schützenden Himmel, hinter dem der kalte Weltraum wartet, prägte sich mir ein.

Kitschiger ist die Filmfassung geraten, in der der edle, wilde Berber mit den tollen Augen am Ende die schöne weiße Frau in eine King-Kong artigen Beziehung zieht. Wie bei Salter wird auf unerbittliche Art von Beziehung und Tod erzählt, von unerfüllten Wünschen und Träumen in Bewegung. In mir löste das Lesen damals ein Ziehen im Bauch aus, das als Erinnerung bis heute nachhallt, sicher 20 Jahre später. Eine unlösbarer Mischung aus Fern- und Heimweh, die mich immer begleitete und in diesem Buch kondensierte. Ich muss nur den Umschlag im Regal sehen und das Ziehen ist wieder ein bisschen da. „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen“, sagte der gute Nietzsche.

SUPERZAHL: “Alles Licht, das wir nicht sehen” von Anthony Doerr ist die Superzahl, weil es für etwas steht, das bei der Lektüre der ersten 6 Zahlen noch nicht zu meinem Leben gehörte. Eigene Kinder. Eine eigene Familie. Habe (ohne es zu merken vermutlich) viele Familiengeschichten seitdem anders gelesen. Hatte Vaterrollen anders verstanden, oder missverständen und vielleicht überhaupt erst verstanden.
Würde ich beispielsweise heute nochmal “Die Korrekturen” von Jonathan Franzen lesen, wäre das eine andere Geschichte. Aufs Vatersein bereiten einen auch 100 Romane oder Familienfilme nicht vor.

Doerrs Buch ist gar kein Familienroman und mir doch für immer für “Vater&Kind” in Erinnerung. Was weniger am Inhalt, sondern eher an dem Augenblick liegt, als ich das Buch schloß. Sommer 2015, Italien…

Zunächst erzählt Doerr über 530 Seiten von einem Mädchen, das ohne Vater, im Haus des exzentrischen Onkels und dessen Haushälterin die Besatzung durch die Nazis zu überstehen versucht. Und erzählt vom naturtalentierten Radio-Techniker Werner, Waise aus dem Ruhrgebiet, dann Napola-Eliteschüler, mit maximaler Anpassungsfähigkeit und Gefallsucht ausgestattet, der am Ende zwangsrekrutiert wird für die Wehrmacht und Piratensender der Partisanen aufspürt. Die beiden Figuren näherns sich ohne von einander zu wissen allmählich an und kommen sich am Ende sehr nah.

In zwei Epilogen wird die Vergangenheit bis in die Gegenwart verlängert. Die Gegenwart, das war dann auch mein Moment in der Toskana, der Augenblick, als ich aufschaute, dabei noch das Bild im Kopf, wie die alte Frau (das Mädchen von damals) durch Paris davongeht. Gleichzeitig stand meine Tochter, gerade vier Jahre alt, vor mir im Sonnenlicht, lächelnd, mit Sand vom Strand auf der Nase und noch nassen Haaren. Sie beobachte mich auf dieser Holzbank, wo ich die letzte Stunde gelesen hatte. Und das war der Moment. Ein Augenblick augenblicklich dabei, sich in der Zeit aufzulösen. Mir fiel ein, wie einen Tag zuvor mein Sohn plötzlich losgerobbt war und sich über den Steinboden in dem alten Bauernhof, in dem wir wohnten, auf Richtung Tür gemacht hatte.
So schufen die letzten Bildern der Geschichte vor meinem inneren Auge, der Anblick meiner lächlenden Kleinen und die Erinnerung, wie mein Sohn hinaus ins Leben wollte, einen gemeinsamen Moment. So sehr jetzt und hier und flüchtig und herrlich und zugleich traurig, dass mit die Tränen in den Augen stiegen. Ich weiß bis heute, wie meine Tochter sich anfühlte (aufgeheizt von der Sonne) und wonach ihre Haare rochen (einem Feldweg nach dem Regen) und wie ich mich fühlte: Am Leben. Im Leben. Angekommen.
Bücher können Türen öffnen, die man nie wieder zubekommt.

Weitere wichtige Bücher waren:

Richard Ford: Die Bascombe Romane Sportreporter, Unabhängigkeitstag, Die Lage des Landes, Let me be Frank
Atonement von Ian McEwan
Das indische Nachtstück von Antonio Tabucchi (ein so feines, kompaktes, kluges und tiefsinniges Buch)
Die Romane von Ralf Rothman, besonders Milch und Kohle
Richard McGuire: Hier – Graphic Novel fast ohne Text, die vom Leben und Sterben erzählt wie kein anderes Buch
Jahrestage von Uwe Johnson (gelesen Jahrhundertsommer 2003 in Paris, während drückender Tage und schlafloser Nächte)
Der Adler der 9. Legion (bei dem ich, weil so begeistert, erreichte, dass wir es als Schullektüre in der 8. Klasse lasen und das ich als Gutenachtgeschichte in freier Form meinen Kindern erzählt habe auf einer langen Reise)
Generation X (natürlich in all dem geballten Wutrant und einer Kulturtkritik, ganz ohne Internet, von der trotzdem vieles heute noch immer gilt)
Dos Passos USA Trilogie
Karl-Ove Knausgard: Kämpfen / Lieben / Träumen (auf knapp 3000 Seiten Einblick in ein fremdes Leben, dessen Gedanken über sich und Unfähigkeiten und seltsame Entscheidungen erstaunliche Gemeinsamkeiten aufwies und kluge Hilfe im profanen, normalen, unscheinbaren Leben bot)
Rainald Goetz grandioses Johann Holtrop, diese west-deutsche Win&Wahngeschichte
Denis Johnson Schon Tot
Ernst Augustin Raumlicht (mein erster deutscher Roman mit bleibenden Folgen)
Christoph Ransmeyer Die letzte Welt
Nicholson Baker: Eine Schachtel Streichhölzer (ein Buch, das die Einfachheit feiert, den Alltag und den Blick auf die kleinen und kleinsten Dinge lenkt, die das Leben ausmachen – neben den wenigen großen Momenten)
Ralph Ellison Der Unsichtbare Mann.

6aus49 – Intro zur Reihe

6aus49 – Intro zur Reihe

Als ich dieses Jahr 49 wurde, meinte ein Freund, „Jetzt ist die letzte Zahl auf dem Lottoschein erreicht.“ Wohl wahr.
Die Chancen beim Lotto zu gewinnen, sind 1 zu 140 Millionen. Diese Wahrscheinlichkeit gibt es auch an anderen Stellen: Wo man aufwächst, wen man trifft, in wohin es einen zur Ausbildung, zum Studium zieht, die eigenen Gene, welche Dinge uns begegnen. Mit Dinge meine ich Kunst, Fotos, Filme, Bücher, Vorbilder, Konzerte, Platten, Gespräche.

In 6aus49 möchte ich 6 meine liebsten oder wichtigsten oder erinnerungsstärksten Dinge aus unterschiedlichsten Sphären vorstellen: Fotos, Filme, Songs, Alben, Ausstellungen, Bücher, Augenblicke, Reisen, Begegnungen, Orte, Niederlagen, Fehler, Erkenntnisse und Zitate – und was mir noch alles einfällt, das Geschmack geschult, Ideen gefestigt, mich beeinflusst und mein Denken vorangetrieben hat.

Auch wenn wir es gern anders hätten und auch noch viel lieber anders erzählen (nämlich als „Entscheidungen“ für oder gegen etwas), ist das meiste doch vom Zufall bestimmt. Selbst unser vermeintlich individueller Geschmack, unsere spezielle Meinung, ja sogar unsere Präferenzen für Orte, Sportarten, Tische und Farben ist – wie Amazon, Spotify und Facebook zeigen – sehr leicht einer Gruppe von weiteren Dingen zuzuordnen. Dingen, die man uns verkaufen möchte – und kann. Wir sind außerdem Kind einer Zeit, eines Ortes, einer sozialen Schicht, eines Geschlechts und kultureller Zusammenhänge. Nichts ist leichter als daraus Gemeinsamkeiten zu filtern.

Den vermeintlich speziellen Geschmack zu entschlüsseln, ist nur eine Frage des Algorithmus. Und wir helfen den Internetriesen tüchtig mit Likes und Shares und Kommentaren – und bekommen so zunehmend mehr vom Gleichen angeboten.
Das werden die (Konsum/Meinungs/Geschmacks)Bubbles, in denen wir leben – in denen wir allerdings auch schon vor dem Internet gelebt haben.

Auch vor Internet hatte jedes Milieu seine Kleidercodes, seine Lokale, Reiseorte, Produkte, Sportarten, Zeitungen, Musikstile und Sprache. Vielleicht kochten wir sogar noch mehr in der eigenen Sauce als heute, wo all die anderen, teilweise unvorstellbar anderen Milieus und Meinungen und Perspektiven und Orte und Produkte und Rezepte und menschlichen Regungen nur einen Klick weit weg sind – von sexuellen Fetischen bis zu Fanseiten von Zierschweinhaltern oder ein neo-kommunistisches Manifest, eine chilenische Fischsuppe oder ein Diskussionsforum zu Golf GTI Auspuffrohren.

Geschmack. Eie Prägung aus Umfeld und Genen, Moden, Trends. Aber auch diffuse Dinge wie Körpergefühl, kollektive Stimmung, externe Ereignisse und Zufallsbegegnungen. Dazu gibt es diese winzigen Zeitfenster, in denen uns zum richtigen Moment ein Lied oder Buch oder Kunstwerk begegnet, das uns fortan als Erinnerung begleitet. Die bleibenden Momente, die aus Kunst entstehen, kennt jeder von aus der “Musik-meiner-Jugend-Nostalgie”, den Fernsehserien der Kindheit, bei mir aber auch z.B. mein erster Tarantino Film (Pulp Fiction) oder der Augenblick, als ich zum ersten Mal Nirvanas Smells like Teen Spirit gehört habe: Durchstraße Dortmund, Fahrtrichtung Höchsten, 9 Uhr morgens nach einer Nachtschicht im Rettungswagen. Sofort gewusst: Die Musik gehört mir.

6 Dinge werden das also werden, die meine 50 vergangenen Jahre besonders gemacht haben. Und wenn ich auch nur Teil einer Alterskohorte und eines Zeitgeists bin, so gehören die hier bald versammelten Dinge in dieser Kombination, mit diesen Erinnerungen und Erzählungen ganz allein in mein Leben. Glaube ich zumindest. Wenigstens ist es eine Geschichte – wörtlich verstanden.

Warum Kreatives Schreiben – letzter Teil

Warum Kreatives Schreiben – letzter Teil

In diesem Zusammenhang ein paar Evergreens der Ratgeberliteratur:

1: Schreib was du kennst (deswegen vermutlich die vielen stark autobiografischen Bücher). Aber wie erklärt sich dann das Gerne Science Fiction oder Krimi oder historische Romane? Sind die Autoren Mörder, Raumfahrer oder Zeitreisende? Sicher nicht. Es geht beim Schreiben viel mehr um etwas anderes, als bloß das, was man kennnt. Eher sogar darum, was man kennenlernen möchte!

2: Schreiben ist Handwerk, also faktisch von jedem erlernbar. Mal eben besser, mal eher nicht. Wie erklärt sich aber dann, dass nur etwa 5% der Absolventen all der Schreibschulen und Schreibseminar und Schreibstudiengänge später Autor werden? Viele Autoren schaffen ein Buch, dann keines mehr. Und warum hört man von so vielen tollen Ideen für Romane, aus denen aber doch nie ein Buch wird? Weil auch um etwas anderes geht beim Schreiben. Ums Weitermachen.

3: Die drei wichtigsten Regeln für eine gute Geschichte: Konflikt, Konflikt und Konflikt. Wer dieser (vor allem US-amerikanischen) Regel folgt und damit Gut gegen Böse, Imperium gegen Rebellen, Cowboy mit weißem Hut gegen den mit dem schwarzen Hut oder Bruce Willis gegen die Bösen meint, sieht nur einen kleinen Teil. Konflikte können z.B. auch sehr innerlich sein – oder kaum spürbar, wie in einigen Murakamibüchern. Oder sie sind teilweise undurchschaubar wie bei Kafka oder Uwe Johnson, oder schon esoterisch wie bei Hesse oder Carlos Castaneda, oder nur als Erklärung im nachhinein zu erkennen, weil auf keiner Seite des Buchs irgendwer gegen irgendwen kämpft – nichtmal gegen sich selbst – wie bei Handke oder W.G. Sebald oder in frühen Büchern von Ondaatje oder oder oder.

Was stimmt ist:

#1 Alle (na gut, sagen wir 80% der Leute) können gute Literatur erkennen (spüren), wenn sie sie lesen. Aber selbst wenn wir sie spüren, können wir sie nicht verstehen im Sinne von “nachbauen”. Nur indem wir Regeln wie den oben genannten folgen oder sie nach Bausatz zusammenfügen, entsteht noch keine Geschichte, die fliegt. Ja, Plot, Konflikt, Dialog, Themenwahl sind Hinweise und Zutaten, aber weder Herz noch Skelett einer guten Erzählung

#2 Nur wer viel liest, kann schreiben. Aber wer beim Schreiben nicht aufhört zu lesen, wird nur etwas schreiben, das nach jemand anderem klingt. Die berühmte „Stimme“ oder der Sound, gelingt vielleicht erst bei der fünften oder zehnten Geschichte. Dafür muss man ganz viel lesen und dann allein weiterreisen.

#3 Nur wer sitzen bleibt, jeden Tag, wird irgendwas von Wert fertig bekommen. Wert heißt hier, etwas interessantes, gut geschriebenes, vielleicht sogar eigenwilliges. Selbst wenn kaum jemand diese Texte dann liest, ist man ein Schrifsteller, eine Schriftstellerin.

Seminare wie das, was ich vorhabe, sind also eher Reiseführer. Sie weisen in eine Richtung, geben Tipps, öffnen Möglichkeiten, bieten eine Weile eine Stütze. Losfahren, suchen, sich verlaufen und dann finden (vielleicht auch, was man gar nicht gesucht hat) muss man allein. Klar kommen vor Ort=am Schreibtisch, im Text, nach dem Text auch. Wie echtes Reisen hat Schreiben ja nichts damit zu tun, Orte abzuhaken und Fotos vor Kulissen zu schießen , sondern mit Entdecken, unverwechselbar eigenes finden und spüren und riechen und erstaunt sein – auch mal über sich selbst. Wobei ein Reiseführer am Anfang helfen kann – wie ein Schreibseminar beim Schreiben.

Why Kreatives Schreiben (Teil 3)

Why Kreatives Schreiben (Teil 3)

Dutzende auch in Deutschland gelesene Autoren stammen aus den Creative Writing Kursen und Schulen der USA. Wir in Deutschland huldigten bis vor rund 20 Jahren dem künstlerischen Geniekult, lauschten Diskussionen literarischer Gruppen grauhaariger Männer, deren moralischer und manchmal politischer Anspruch qua Autorenamt nie hinterfragt wurde. Ganz zu schweigen von der Qualtiät der Bücher. Oder ihrer Lesbarkeit ( ich meine audrücklich nicht Kemposwski, Uwe Johnson, Böll, Grass, Bachmann oder Walser).

Wir beteten viele Jahre sprachgewaltige Langeweiler an und hielten Deutschland koch immer noch für ein Land von „Dichtern und Denkern“. Wem dieses Schreiben und Treiben zu anstrengend und vergeistigt und vergreist war, wer trotzdem schreiben wollte, der konnte bis in die 90er Jahre hinein nur in Journalismus machen. Bis Christian Kracht und Benjamin von Stuckrad Barre und Jana Hensel, Juli Zeh und und und… kamen. Das war dann erstmal “nur” Popliteratur, bis man gerlernt hat, dass kluge Bücher auch unterhalten dürfen.
Heute schreiben viele Journalisten und Journalistinnen auch Romane und Schriftsteller und Schriftstellerinnen publizieren in Zeitungen – sie äußern sich gelegentlich sogar politisch – auch wenn das keinen mehr richtig interessiert – vor allem aber schreiben sie toll und gegenwärtig.

Hierzulande glaubten wir viel zu lang, zum Schreiben sei man halt geboren wie zum… ja was denn eigentlich? Malen? Basketballspielen, Schach? Gehirnchirurgie oder Komposition, Kochen, Karate?
Alle, die darin je gut waren oder sind, haben einfach unheimlich viel geübt. Und die überragenden Frauen und Männer einer Disziplin haben noch mehr geübt – und konnten sich dann, wenn’s drauf ankam locker machen, um echte Ideen zu haben und oder echte Gefühle. (“Jazz ist ganz viel draufhaben – und dann locker lassen” sagte ein Musiker) Nur beim Schreiben soll das anders sein? Sicher nicht.

Ich unterrichte Kreatives Schreiben, weil ich glaube, dass man viel lernen kann über das Schreiben – wenn auch das Bücher-Schreiben selbst nicht in einem Seminar erlernbar ist. Das lernt man allein. Beim Sitzenbleiben und fertig werden.
Deshalb kenne ich Absolventen von Literaturinstituten, die richtig toll schreiben und einige, denen das Studieren dort auch nicht half. Ich kenne Literaturpreisträger und Stipendiaten, die nie ein Buch über das Schreiben gelesen haben und publizierte Autoren, die nie eine Schreibschule von innen sahen. Und es gibt die, die dort vielleicht nicht ihre Kreativität, aber ihr Selbstbewusstsein bekamen, weiterzumachen. Oder Mentoren fanden, die ihnen durch eine schwierige Zeit halfen. Oder wertvolle Tipps zu typischen Fehlern in und Problemen mit einem Text erhielten. Oder die einfach herausfanden, dass es so viele mögliche Themen und Figuren wie Chinesen gibt.

Vielleicht gibt es deshalb nach jahrzehntelangem Naserümpfen so viele Online-Schreib-Seminare und Schreib-Coaches und Blogs und Videoseminare wie Stilblüten und schiefe Bilder wie in den Romanen von Ken Follet. Ein Lektor sagte mal, er habe das Gefühl es gebe auch schon mehr Autoren als Leser. Für manche Stadtteile von Berlin stimmt das sicher.
Einige der Online-Kurse sehen jedenfalls richtig gut gemacht aus (kann das nur per Augenschein beurteilen, habe noch nie einen belegt).
Es gibt auch viele fantastische Autorenratgeber und „Wie werde ich Schrifsteller“ Bücher.
Daneben aber auch Regalmeter geradewegs krimineller Schmuhbücher, die propagieren, man könne anhand von Check-Listen, Figuren- und Dialogmustern, einem Plot und Dialogschemata ein gutes Buch schreiben – gut hier im Sinne von verkäuflich. Mich erinnern diese „Berater“ an die weißen Transporter, die einige Jahre durch die deutschen Innenstädte fuhren und deren Insassen wahllos Leute auf der Straße anquatschten. Sie hätten eine Ladung Stereoanlagen / Lautsprecher / Fährräder zum Händler gebracht der Lieferschein sei falsch gewesen und sie hätten jetzt noch einige Top Modelle hinten drin, die sie für einen super Preis verkaufen könnten. Klar, warum nicht? Oder eben: WTF?

Gleiches gilt für Seminare, die versprechen, wir könnten danach einen verdammt guten Roman schreiben, um den Agenten und Verlage sich auf Bieterschlachten reißen. Was ich für meine Seminare versprechen kann ist etwas ganz anderes.

Morgen Teil 4 mit 4 wichtigen Dos und Don’ts

Why Kreatives Schreiben? (Teil 2)

Why Kreatives Schreiben? (Teil 2)

Ein Seminar für Kreatives Schreiben könnte man als Frechheit bezeichnen. Jedenfalls wenn es “Schreiben lernen” als Trichter in den Kopf, Tollschreiben rein – fertig verkauft. Was so einige suggerieren.
Andere verkaufen Gut-Schreiben oder sogar Roman-Schreiben als eine Art Cocktail Mixen mit Wörtern und Geschichten. Zutaten sind ein bisschen Zeitgeist, ein Konflikt, eine Liebesgeschichte, eine Prise soziale Milieustudie gern einen durchtriebenen Gegner, knackige Dialoge und skurrile Nebenfiguren – bis am Ende der Held in den Sonnenuntergang reitet. „Zack feddich“ nennen das die Bastelbrothers.

Ginge Schreiben so, könnte man es auf jeden Fall lernen. Einige der genannten Zutaten braucht eine Geschichte ja tatsächlich. Aber nicht immr. Oder eben immer andere, in immer anderer Mischung. Manchmal braucht es Zutaten, deren Wirkung so lang unbekannt sind, bis fertig gekocht ist. Und ganz oft schmeckt es trotz der “richtigen” Zutaten nach gar nichts, oder gar nicht.

Es gibt Schreibseminare in der englischsprachigen Welt seit Jahrzehnten, von großen und ganz großen und nicht so großen oder ganz und gar unbekannten Autoren unterrichtet. Sie sind Standard an so ziemlich jeder Hochschule der USA und vielen Unis in Großbritannien.

Nur einige, die diese Kurse belegen, wollen aber auch Autoren werden. Sie müssen/wollen jedoch alle schreiben: Hausarbeiten, Abschlussarbeiten, Vorträge, Reden, Referate, Zusammenfassungen und Analysen, Zeitungsartikel, Blogeinträge usw. Tatsächlich helfen hier Methoden des Creative Writing, hilft pures Handwerkszeug und der bewusste Umgang mit Stilmitteln wie Rhythmus, Ton, Bildern, Dialog und mehrdimensionalen Figuren uvm..

Wer mehr will, als einen kompakten, verständlichen, gut strukturierten, sprachlich gelungen Text zu schreiben, wer weiter will, hinein ins Unbekannte des eigenen Ich, in eine erfundene Geschichte über das Leben eines Fremden, der nur im eigenen Kopf existiert, oder gleich raus in den Weltraum oder in den Kopf eines Mörders oder das Leben eines genialen Kindes, wer Kurzgeschichten oder einen Roman schreiben will, der kann in so einem Seminar sehr gut damit beginnen zu sortieren und probieren. Und muss danach weitermachen. Belegt vielleicht weitere Kurse, lässt sich coachen, liest Ratgeber und die Selbstauskünfte gestandener Autor*innen, liest überhaupt alles, was es zum Thema Drehbuch, Drama, Buch und Short Story gibt. Aber vor allem tut er die ganze Zeit vor allem eines: Schreiben. Und nicht aufhören, bevor es fertig ist. Mal mit guten, mal mit nicht mal mehr befriedigendem Ergebnis.

Am Ende ist dieser Rat das Allerallerwichtigste, einer, den man immer und immer wieder von Giganten wie Stephen King, Murakami und einfach sehr, sehr vielen Autoren und Autorinnen hört: Du musst sitzen bleiben. Du musst fertig werden. Wichtiger als vorher Ideen kommen zu lassen oder beim Schreiben die Adverbien wegzulassen, wichtiger als Plot und lebendige Dialoge und und und.

WEITER Morgen mit TEIL 3