6aus49 – Die NÄCHTE (Nr. 1 u. 2)

6aus49 – Die NÄCHTE (Nr. 1 u. 2)

Die Nacht hat 1000 Augen. Toller Noir Film mit Edward G. Robinson, aber doch nicht so gut wie der Titel. Wer blickt denn da mit tausend Augen? Meist wir selbst auf uns. Tragen einen Anzug mit Augen wie einst Freddy Mercury. Aber wie oft ist, was die Nacht an Exzess und Lust und Klarheit brachte, im Hellen betrachtet banal und leer? All die besoffenen Entscheidungen oder die bekiffen Erkenntnisse – am Morgen bleib nur ein Zettel mit unverständlichem Gebrabbel und Erinnerungen an ein Gefühl, nicht das Gefühl selbst.

In der Nacht ist unser Denken entweder wild und klar oder ganz abgeschaltet beim Tanz bis in den Morgen, da regiert uns das Unbewusste in Träumen oder es quälen To-Do Listen und Sorgen in der Schlaflosigkeit. Oder wir sind nicht allein in unserem Bett und finden für ein paar Stunden zusammen im Dunkeln Klarheit. Die meisten Nächte sind einfach nur nötig und scheinbar sinnlos und versinken ohne Erinnerung zwischen den Tagen.

Um zu spüren, was Angst ist, was richtiges Alleinsein bedeutet, wie es für die vielen zehntausend Jahre gewesen sein muss, bevor erst Feuer dann der Strom kam, dafür müssen wir raus in die Natur unter den Sternen oder an einem tosenden Meer oder auf einem Berg in Stille und Nacht sitzen und hören, ahnen, zittern und den 1000 Augen begegnen.

Ich habe die Nacht so geliebt wie genossen für sicher 25 Jahre. Und dann kamen meine Kinder. Ende dieses Lebens, Anfang eines neuen. Für etwas „Nachtleben“ stand ich eine Weile um 5 auf, lesen, schreiben, den Tag erfassen. Dann Programm abspulen. Und leider fast nie vor Mitternacht ins Bett. Mich hält bis heute abends eine seltsame Unruhe wach, als würde ich etwas verpassen – als würde ich mein Leben verpassen, wenn ich um 10 ins Bette gehe.

Die Nacht ist bis heute der Ort geblieben, wo ich näher dran bin. An mir, am Text, am kränkelnden Kind in meinem Arm, an meiner Frau oder den Gedanken um und über alles mögliche. Sechs + eine Erinnerung an Nächte, die bis heute etwas bedeuten.

Die ZAHL 1
BERGHÜTTE, Zillertal Ende der 90er
Weil die Diplomarbeit anstand, und weil Berlin mit seinen 1000 Verlockungen und den 1000 nächtlichen Augen und Ablenkungen für einen undisziplinierten Menschen wie mich die größtmögliche Herausforderung darstellte, und weil ich die Berge liebe und weil mein Vetter eine Hütte im Zillertal hatte, die 10 Mark am Tag kostete und fernab vom Dorf auf einem Berg stand – fuhr ich im Sommer 1998 mit dem Zug dorthin. Um zwei Wochen konzentriert nur zu Lesen und zu schreiben. Allein. Ohne Handy (hatte ich nicht). Ohne irgendwas und irgendwen. Im Rucksack nur 15 kg Papier, Bücher in zwei Taschen und Bergausrüstung.

Mein Diplomthema drehte sich um Religion in den USA – in ihrer politischen Form. Wie nutzen Politiker die alten Erzählungen für ihre Zwecke, – auch für politische Religionen wie den Kommunismus oder den Nationalsozialismus. „Was ist Religion“ wollte ich am Anfang und da auf der Hütte klären. Vermessen. Viel zu groß. Aber ich dachte wohl, „Aim high, and you won’t shoot your foot off“.
So manche Selbstüberzeugte hatte ja da in der Einsamkeit seine Begegnung mit Gott oder dem Teufel oder der Essenz des Seins. Moses mit einem brennenden Busch in der Wüste genauso wie Jesus in der Wüste nach 40 Tagen fasten und kurz vor seinem ersten Auftritt, wie Buddha unter einem Baum oder Mohammed auf einem Berg oder wie mancher in der Wüste von New Mexiko von Ufos entführt wurde. Der Mensch ist nicht gern allein, aber es scheint ihm gut zu tun, wenn er etwas schaffen will – oder vorhat, wahnsinnig zu werden. Auch wahnsinnig erfolgreich.

Ich hörte einmal auf dem Berg angekommen dann zwei Wochen viel Ö3 Radio im kleinen Batterieradio, um nicht mit mir selbst zu reden, machte aufwendig lange Einkaufswanderungen ins Tal, um nicht nur in der Hütte zu sitzen, erklomm die umliegenden Gipfel und las abends Romane. Die Hütte hatte kein Bad, nur einen Viehtrog vor der Tür, keinen Strom, nur Gaslampen und einen Holzofen zum Kochen und Heizen. Hätte ich ein Handy gehabt und schon flächendeckend Internet, Netflix, Mails, WhatsApp, Insta… ich wäre wohl nie fertig geworden. Ich hätte vermutlich nichtmal angefangen. Das gelang dann aber zu Glück.

Die Nächte allein auf einem Berg sind seltsam. Urängste steigen auf in der Dunkelheit und fast absoluten Stille. Was, wenn Tiere kommen (welche denn, fragte ich mich morgens im Hellen dann immer), was wenn „jemand“ kommt (warum? um Emil Durkheim Arbeit über Formen religiösen Lebens zu lesen?), was, wenn ich nicht einschlafen kann? Was mir immer gelang. Dennoch die Angst hervorgerufen durch die Abgeschiedenheit, der ich durch Schlaf eine Weile entkam.
Nach etwa zehn Tagen ereignete sich diese Nacht, die – wäre ich ein bisschen schlafloser, sendungsbewusster und irre – zu meiner Epiphania hätte werden können. Dann würde ich jetzt entweder auf einer Kiste an einer Straßenkreuzung stehen oder hätte eine Megakirche gegründet und wäre ein reicher Mann.

Den Tag hatte ich in der Hütte verbracht und geschrieben, während die ersten noch entfernten Donner durch Tal liefen. In den Rauchpausen ging ich auf dem Balkon mit Blick ins Tal. Die Blitze stießen auf die Gipfel wie Finger. Als es dämmerte, zogen Wolken ins Tal, die unter mit lagen, wie eine weiße Decke über das Dorf geworfen. Da schlug ein Blitz waagerecht über den Himmel, einige Kilometer lang. Als würde die Schale um unsere Erde zerbrechen und wir augenblicklich alle ins All gesaugt.
Dann folgte ein Donner, der für Sekunden alles erzittern ließ und durchs ganze Tal rollte. In den nächsten Minuten zogen die Wolken hoch und höher und hüllten bald die Hütte und mich darin ein. Alles war dunkel und vollkommen still. Wenn ich die Gaslaterne auf dem Balkon hochhob, reflektiere der Nebel nur ihr Licht zurück. Meine Stimme klang, als ob ich in einer Kiste läge. Ich konnte vor der Hütte stehend nichts sehen, machte ein paar Schritte hinaus auf die Wiese und hört nur das Rauschen in meinen Ohren und meinen Herzschlag. Ich drehte mich um und ging zurück als da ein Zischen und eine Stimme hinter mir war. Die Haare auf meinen Armen in im Nacken stellten sich auf. Ich drehte mich nicht um, ging hinein, verschloss Türen und Fenster, konzentrierte mich auf das Knistern des Lichts und rettete mich in Gedanken.

Es entstand in der Nacht eine Kurzgeschichte, die alles in sich trug, was ich so an falschen Entscheidungen, Trennungen, Illusionen und Lügen in den Monaten und Jahren zuvor angesammelt hatte. Kaum lesbar heute, voller Metaphern und doppelten Bedeutungen, Anweisungen und Heulsusereien. Zeugnis eines wirren Geistes, eines Suchenden, der aber so etwas gefunden hat. Wenn auch nur eine Form, noch nicht den passenden Inhalt. Zum Glück hörte ich in der Nacht keine Stimmen in meinem Kopf oder hatte gar eine Begegnung der dritten Art. Ich begegnete nur meinen eigenen Dämonen, stand an den Abgründen des Innern. Als es hell wurde, die Sonne hinter dem Gipfel links aufging, traf ich eine noch heute richtige Entscheidung und legte mich schlafen.

Die ZAHL 2
Café Schwarzsauer, Berin, div. Nächte

Wieviele Jahre von den bald 50 ich zusammengerechnet in irgendeiner Kneipe verbracht haben mag. Ein halbes Jahr dürfte es sicher gewesen sein. Begonnen mit 16, als es noch ein Kneipenviertel in Dortmund gab und als man als junger Mensch auch noch in Kneipen ging, statt nur zu Haus zu trinken. Wir waren jedes Wochenende im Treibhaus, in der Galerie, im Schaf und soffen Brinkhoffs oder hockten in den Freistunden im Grammophon neben der Schule. Ich habe in den folgenden Jahren zahllose welterklärende, wirre, witzige Gespräche an den Tresen auf drei Kontinenten geführt, dazu zahllose trübe, lüsterne, traurige, wirre, suchende und leere Blicke verteilt und erhalten. Die Nacht macht wach und wild. Der ungeplante Exzess, die Straße nach Süden. Die Debatten schienen Jahr für Jahr wilder und zugleich vergeblicher bis sinnlos zu werden. Aber sie schufen hunderte herrliche Abende.

In Berlin zu Becks im Delicous Doughnut oder Hackbarths oder bis in die früh im Schwarzen Café tief im Westen – oder eben, meist ganz am Ende, hinter dem Ende eigentlich, im Schwarzsauer auf der Kastanienallee. Da fand immer der letzte Versuch statt, sich einen Reim auf all das da draußen und hier drinnen zu machen. Heiser gesungene katalanische Straßensänger, Volksbühnenprominenz, Suff- und Laberköppe, kritzelnde Dichter und Erste Dates und allerlei Vor- und Nachglühleute saßen hier, ob um 11, 1 oder 4 Uhr oder wenn dann wirklich alle losmussten – und noch einen letzten nahmen.

Das Schwarzsauer bis heute der letzte verlässliche Ort eines schon mehrfach untergegangenen Prenzlauerbergs: vor der Wende nur eine graue Ecke, nach der Wende schnell wilde Meile und das Schwarzsauer erstes Haus am Platz. Nach Gentrifizierung und Verbürgerlichung der letzten 15 Jahre immer noch da. Zusammen mit dem „Lass und Freunde bleiben“ etwas weiter, hab ich nie einen Laden so sehr dafür geliebt, dass er es schafft, unmerklich die tagsüber gelingende Caféhausatmosphäre ab der Dämmerung in eine ebenso gelungene Barstimmung zu verschieben, eine solche Unruhe in einem zu schaffen und Erwartungen an die Nacht zu wecken, dass man sitzten bleibt. Oder geht und wieder kommt.
Die Nacht der 1000 Augen – hier gab es sie ganz wörtlich durch all die Leute und Leben, die im Laden saßen im Verlauf eines Abends und einer Nacht. Und all die Menschen, die vor dem großen Schaufenster auf dem Gehsteig vorbeiliefen, die man nie wiedersehen wird, nie treffen wird, es sei denn man steht kurz auf und lädt zu einem Drink ein oder wird eingeladen. Einen noch, komm, wird gleich hell.

Zahlen 3-6 + Superzahl folgen...

6aus49 – Die Fotografien

6aus49 – Die Fotografien

(Zu dieser Reihe in meinem 49. Lebensjahr siehe hier)
Ich hatte 1985 mein Kinderzimmer mit Windsurfpostern tapeziert. Sie sollten mich weniger ans Surfen, so glaube ich heute, als an meinen ersten Surflehrer Robert erinnern – und mahnen, was man mit seinem Leben so machen kann. Mit 15 ist man empfänglich für „ganz anders als die Eltern“.
Wie das alles zusammenhängt, all die Verkleidungen und Rollenspiele der Pubertät (Klamotten, Musikwahl, falsche Freunde, kein Bock auf Schule oder Zielstrebigkeit, cool oder dagegen usw.) zeigt sich als Muster im Rückblick. Was die diversen Richtungen, Umwege, Abbrüche und Neuanfänge, aber auch die scheinbar nebensächlichen Dinge wie Fotos, Bücher, Filme aus der Jugendzeit verbindet, ist eine bestimmte Art die Welt zu sehen und darin seinen Platz zu suchen.

Robert arbeitete ein halbes Jahr als Surflehrer auf Korfu und betrieb im Winter eine Kneipe im Schwarzwald. Das war sehr weit weg von den mir bekannten Lebensentwürfen. Er war männlich – im besten Sinn auch des 21. Jahrhunderts. Er war tiefenentspannt, locker und immer interessiert und aufmerksam. Er kannte viele Leute, er war viel unterwegs und hatte doch seine Homebase in dieser Holzhütte im Schwarzwald. Und er war, da auf dem Brett, wenn er über die Wellen flog, ganz bei sich.

So hängte ich mir nach dem Urlaub ohne genau zu wissen, was ich damit meinte, Robby Naish Poster an die Wände, trug Surf-T-Shirts – bin aber höchstens noch ein duzend mal wirklich Windsurfen gegangen. Ich mag Wassersport gar nicht besonders. Es ging um etwas anderes. Er wurde mein erstes Rolemodel.

Fotos sind meine Form der „Carpe Diem!“ Ermahnung und Richtungsanzeiger. Erst Windsurfbilder für frei, draußen, mutig, like Robert. Es folgten Schwarz-Weiß Aufnahmen von Jazz Musikern für cool, improvisiert und gekonnt und den Reiz des Unbekannten, der in dieser Musik steckt, der Mut, jedesmal wieder nicht zu wissen, wo es einen hinführt. Aber auch Jazz Musiker bin ich dann nicht geworden.

Von den Jazzbildern führte der nächste Schritt Richtung Fotografie als Kunst, also eine fast unendlche Vielfalt an Themen und Perspektiven jenseits von Surfen und Jazz.
Schließlich wollte ich auch selbst und kaufte ich mir eine Nikon F3, entwickelte in der Dunkelkammer mit einem Freund Bilder und sammelte 30 Jahre aberhunderte Schwarz-Weiß Kontaktabzüge und mehrere zehntausend Bilder auf der Festplatte.
Material für eventuelle Cybermobbing Kampagnen ist auch dabei – aber vor allem viele hundert mal die Erkenntnis, dass uns so viele Menschen und Momente abhanden kommen im Lauf des Lebens.

Für mich ging es beim Fotografieren, seit ich mit sieben oder acht mit meiner Ritschratsch Kleinbildkamera die selbstgebauten Playmobil Szenerien fotografierte, ums Festhalten. Nur das. Ein Moment der Freude, der Nähe, des „Bei-sich-sein“. Es ist alles da, jetzt, hier. Und es fliegt davon. Was kann man schon machen, außer es aufzuschreiben und versuchen, Bilder davon zu schießen?

Und auch wenn viele Aufnahmen heute nur noch mir etwas sagen, also Schnappschüsse sind, die meine Kinder irgendwann wegwerfen werden, weil sie nicht mal wissen wo oder wer das war, so können hoffentlich in manchen der Fotos auch andere etwas entdecken. Vielleicht könnten meine Kinder sogar mich entdecken. Vergleichbar damit, wenn eine biografisch inspirierte Geschichte jemand anderen bewegt und so zu Literatur wird, aber doch auch immer auf den Autor verweist.

In den besten Fotografien findet sich auf geheimnisvolle Weise alles Davor und Danach, sie weisen über Zeitpunkt und Ausschnitt des Fotos und damit die Absicht des Fotografen hinaus. Sie stehen für sich, dokumentieren zugleich, wie das Leben sich anfühlte, in dem Augenblick. In meinen Fotos sieht man auch, wie ich das Leben gern sehen würde oder wie es sich am besten immer anfühlen sollte.

So kann eine Fotografie trotz der extremen Reduzierung auf den Bruchteil einer Sekunde, wenn der Kameraverschluss sich wie ein Vorhang vor der Welt öffnet, ein ganzes Leben erzählen. Oder auch nur eine Geschichte im Kopf des Betrachters. Ein Foto kann vom Leben an sich erzählen, von Liebe, Verlust, Freude und Freiheit, von Unendlichkeit genauso wie von einer bestimmten Sekunde in dem Leben eines bestimmten, vielleicht längst vergessenen Menschen.

Wir fotografieren nur, was sie sehen können. Und bevor man den Auslöser drückt, löste der Moment im Fotografen etwas aus.

Die folgenden 6 plus Superzahl Fotografen und eine Fotografin begleiten mich schon lang. Es sind vier Amerikaner, ein Italiener und zwei Deutsche. Sie – stellvertretend für viele andere – vermitteln mir, worauf es ankommt, beim Fotografieren. Und im Leben: Los, geh raus, mach einfach! Alles ist schon da und nichts wird bleiben.

Zahl EINS
August Sander, Der Maler A.R., ca. 1927 (copyright August Sander Archiv)

Obwohl mir Fotos von Städten, Straßen und Landschaften meist mehr liegen, sind die Portraits von August Sander in ihrer Nüchternheit und Kraft grandios. Seine Fotos von Menschen in bestimten Berufen erzählen über eine Gegenwart und ein Selbstverständnis, das sich in heutigen Berufen kaum noch so sehr in Physis, Gesicht und Ausstrahlung widerspiegelt.

Zahl ZWEI
Jeff Wall: Ellison, Invisible Man, the Preface 2002 (courtesy Galerie Johnen&Schötte)

Ellisons Buch von 1952 ist auch 70 Jahre danach noch zeitgemäß. Black Lives Matter und die damit verbundenen gesellschaftlichen Themen, das Leben als Schwarzer Mensch in Amerika – alles leider immer noch bitter. Mich sprach Jeff Walls moderne Interpretation des Romans, riesig groß, 1,70×2,50 Meter auf einen Leuchtkasten montiert, aus einem ganz anderen Grund an: Die inszenierte Isolation und Konzentration: Ein Mann schreibt ein Buch – und die Welt draußen macht, was sie will.

Zahl DREI
Robert Frank, Nova Scotia, aus The Lines of my hand

Robert Frank ist nicht nur wegen seiner Filme mit und seiner Beziehung zu den Beats, Kerouac, Ginsberg usw. schon lang mein Held. Dieses Buch von 1972 zeigt Frank als Künstler, der keine Angst kennt, der unaufhaltsam seit 60 Jahren seine Motive sucht – und manchmal findet. Einer, der sich auf die alten Zeiten nichts einbildet und um die Flüchtigkeit weiß. Wie das Bild, das er gerade macht, ist er nur jetzt und hier. Er mischte später sein Leben mit dem, was er sah und Text mit Fotografien und öffnete so weitere Bedeutungsebenen. Der fantastische Dokumentarfilm Don’t blink sei jedem empfohlen.

Zahl VIER
Thomas Demand: Badezimmer, 1997 (Galerie Esther Schipper)

Das Badezimmer ist vermutlich die in Deutschland bekannteste Fotografie von Demand. Demand baut Pressofotografien oder eigene Erinnerungen, unbekannte und berüchtigte Orte in Papier nach und fotografiert sie dann. Clean, menschenleer, detailgenau aber völlig ohne Leben und dadurch aufgeladen von Unbewussten und Erinnerungen.
Ob der Eingangsbereich einer Kneipe, wo ein Kind ermordet wurde, ein Großraumbüro, das Oval Office oder Alltagsmomente – alles wirkt zugleich echt wie unecht. Hyperreal. Aber gerade die Perfektion, mit der die Wirklichkeit hier eine neue Wirklichkeit wird, ist faszinierend.

Zahl FÜNF
Vivian Maier, undated und September 26, 1954. New York, NY

Es klingt wie ein Märchen. Eine Frau, die die meiste Zeit ihres Lebens als Kindermädchen arbeitete und dabei täglich fotografierte, hat ein grandioses Talent  – aber lebt Jahrzehnte ohne jede öffentliche Anerkennung. Von den 50ern bis in die 90er Jahre schießt Maier etwa 100.000 Fotos. Als sie im Alter verarmt, werden wegen Mietschulden auch ihre Kisten mit den Negativen versteiget. 2007 geraten einem jungen Immobilienmakler in die Hände. Es entsteht ein Dokumentarfilm. Ihre Bilder stehen heute auf einer Stufe mit den besten Streetfotografen des 20. Jahrhunderts. Sie mischen Schlichtheit und Beiläufigkeit mit Kraft und Tiefe. Die ganze Story so unglaublich und very american wie die Bilder unglaublich gut und very american.
(Details unter Vivian Maier).

Die Zahl: SECHS
Stephen Shore, Grand Street at Mercer Street, New York, New York, February 24, 1974

Auch das scheint verrückt: Die Farbfotografie wurde als Kunstform erst ab den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ernst genommen. Wer Fotokunst machen wollte, schoß in Schwarz-Weiß. Man ist erinnert an die Debatten bei der Erfindung des Tonfilms. William Eggleston und andere brachten die Farbe – und dabei ein Bild der USA, das sich von Automodellen, über Straßenkreuzungen, Landschaften, Verfall und Glamour, bis hin zu Frisuren und Leuchtreklamen in mir festsetze, Sehnsucht auslöst.

DIE SUPERZAHL
1. Campagna marchigiana – courtesy Archivio Mario Giacomelli, Senigallia // 2.Il non ho mani che mi accarezzino il volto, c.1961

Bei Giacomelli kommen mehrere Dinge für mich zusammen: Surrealismus, Schwarz-Weiß und Italien, Menschen und Landschaft, Malerei und Kontraste. Die Aufnahmen wirken oft wie Fotounfälle. Unscharf, verwischt, seltsam über- oder unterbelichtet. Seine Landschaftsaufnahmen könnten (teilweise aus der Luft, als es noch keine Drohnen gab) wie abstrakte Kunst sein, Schraffuren auf weißem Untergrund, Man Ray Fotogramme. Die Bilder haben in den starken Hell-Dunkel Kontrasten einen außer-weltlichen Charakter. Als wäre nicht nur die Zeit als junge Priester lachend tanzten und Witwen alle Schwarz trugen und der Stolz der Armut in Italien lang vorbei, sondern als habe diese Welt schon immer in einem zugleich schönen wie schrecklichen Paralleluniversum existiert.

Reihe: 6aus49 – Die Zitate (Zahl 1 bis 3)

Reihe: 6aus49 – Die Zitate (Zahl 1 bis 3)

Kluge Frauen und Männer gibt es viele. Witzige nicht ganz so viele. Und ganz wenige, die es zusammenbringen. Und dann gibt es die tollen, mies gelaunten Schweremüter, die klar sehen. In den vergangen fünf Jahrzehnten hingen immer wieder mal Zettel über meinem Schreibtisch mit Zitaten oder Aphorismen oder dummen kleinen Insider-Sprüchen, denen es gelang, dem Leben und Sein eine Erkenntnis abzuringen und über zwei oder auch mal fünf Sätzen zu kondensieren.

Natürlich stehen die auch immer für eine bestimmte Laune, Frage oder Stimmung in meinem Leben, sind Zeitgeist im besten Sinn – auch in ihrer Banalität oder weil das pop-kulturelle Zeichenspielchen einfach Spass macht. Wer hat auch den Film gesehen, kennt diese Zeile aus dem Song, hat das auch schon erlebt? – ein Zitatezeige&Ratespiel. Ein bisschen Eitelkeit ist natürlich auch dabei, wenn man Zitate postet, an der Wand aufhängt oder als Email Signatur benutzt oder auf T-Shirts druckt.

Ich habe die „6 aus 49 plus Superzahl“-Zitate gesucht, die mir noch heute was sagen, oder wo ich mich zumindest an den Grund erinnere, warum ich die mal gut fand. Die meisten sind hoffentlich nicht bloß schlaumeierisch, sondern ein bisschenb klug, witzig, mit doppeltem Boden oder sie entwickeln in ihrer Trübsinnigkeit Kraft.

EINS:

“Welchen Tag haben wir?” fragte Pooh. “Es ist heute!“, quiekte Ferkel. “Mein Lieblingstag!”
Aus Winnie Pooh

Das ist das eine Vorlesebuch für Kinder, bei dem die vorlesenden Eltern nicht am liebsten aufstöhnen würden über die sprachliche Unterforderung, die banale Lebensphilosophie und Zeigefingerpädagogik so vieler andere „Vorlesebücher“.
Manchmal war es mir sogar etwas zu kompliziert erzählt: Wer spricht da jetzt? Christopher Robin oder Vater von Christopher Robin, wer erzählt das alles über Pooh, Ferkel, I-Ah, Ruh, Kaninchen usw.? Vielleicht war ich auch nur müde – im Gegensatz zu den Kindern neben mir.

Dümmliche Helden haben in Film und Literatur nicht den besten Ruf. Pooht weiß, dass er ein Bär “von geringem Verstand“ ist. Vielleicht kommt er ja deswegen so gut klar. Weil er die Dinge nicht so ernst nimmt und trotzdem versteht, weil er einfach mal Sachen probiert und wenn er aufs Maul fällt, eben mehr weiß. Weil er Freunde hat und Freunden hilft, weil er das Leben liebt. Und er muss dabei nicht immer das Richtige tun oder die Geschichte beeinflussen oder „das Herz am rechten Fleck haben“ wie der unerträgliche Bruder im Geist Forrest Gump.
Das tolle Zitat kommt dann aber von Ferkel, dem kleinen Freund, der im Buch unsere Ängstlichkeit und Vorsicht repräsentiert. Dass ausgerechnet Ferkel ganz buddhistisch im Jetzt lebt, wie das Zitat belegt, ist eine herrliche Idee, die jedem ängstlichen Menschen als einzigen Ratschlag genügen könnte. Und so fröhlich-optimistisch wie Ferkels Worte, wünschte ich mir, würden meine Kinder immer leben.

ZWEI:

Somewhere along the line I knew there would be girls, visions, everything, somewhere along the line the pearl would be handed to me. Jack Kerouac, On the Road

Hier treffen sich Lieblings-Bücher und Zitate. Ich bin in meinen Zwanzigern einer von diesen jungen Menschen seit 1957 gewesen, die von den Büchern der Beat Generation, auf die Straße gebracht wurden, die einfach losmachten und schauten, was es gab da draußen. Anhalter fahren, Reisen ohne Plan, Freiheit testen, Exzesse und Niederlagen, Irrungen und viel flüchtiger Spass. Mancher mag sich auf diesem Weg selbst begegnet sein und dann darüber geschrieben haben. Und ein paar haben die Phase einfach beendet und sind – ich nenne es mal „nützliche Teile“ der Gesellschaft geworden.

Ich kann trotzdem bis heute keine nächtlichen Solo-Autofahrten machen ohne an On the Road zu denken, ich kann noch immer die ersten Zeilen von Howl auswendig und habe beim Versuch die beiden Welten (Beat und Bundesrepublik) damals sogar zwei Jahre an einer Doktorarbeit über die zivilreligiösen Wurzeln der Beat Generation geschrieben – bevor ich verstand, dass ich zwar schreiben will, aber nicht für die Uni.
Das Zitat fand ich in einem meiner Reisetagebücher als Motto. Es kondensiert den Tanz zwischen Banalität und Lebensklugheit, zwischen Bewegung und Hoffnung, Männlichkeit und Mystik, den man in allen Büchern von Kerouac findet. Er war der hübsche Loner, der Mitfahrer und Beobachter, der später in Katholizismus und Alkoholismus versank, als sein Leben und Werk nicht mehr in Deckung kamen. Die maximale Fallhöhe, das maximale Selbstbewusstsein und die ganz US-typische Bindungslosigkeit bei dem gleichzeitig ganz großen Wunsch nach Tiefe – das finde ich noch immer in seinen Büchern und beim Lesen dieser einen, hoffnungsvoll naiven Zeile.

DREI:

Ein Schiff ist im Hafen sicher, aber das ist nicht, wofür Schiffe da sind.
(Plakat im Hafen von Dublin)

Alleinreisen ist ja was Tolles. Und schrecklich. Man begegnet sich die ganze Zeit selbst (besonders den eigenen Unfähigkeiten), ist sehr wach, entdeckt in Alltagssituationen Symbole über unser Leben oder in den Blicken einer Fremden das ganze Dilemma der Gefühle. So wach und dünnhäutig ist man nur allein in fremden Städten und Ländern.

Nach Dublin bin ich irgendwann in den Nullerjahren allein gereist, die Band U2 baute gerade im Hafen ein gläsernes Hochhaus,…aber noch war es nicht so irre teuer und der Crash 2008 sollte erst noch kommen.
Ich lief planlos herum, trank ab mittags Guinness und wusste auch angeduselt nicht, was ich eigentlich suchte – fand aber auch wenig Überraschendes in der Stadt.
Bin mit einem Bus raus gefahren ans Meer, die Klippen entlang gewandert und dort endlich dieses Inselgefühl bekommen. Zurück in die Stadt im Dauerregen bei einer Platte von der irischen Band The Frames im Bus heulen müssen. Es war eine komische Zeit. Aber Alleinreisen war genau das richtige Komisch oben drauf.

Am alten Hafen von Dublin entdeckte ich abends das Poster der Unitarischen Kirche. Taugt als Lebensmotto, dachte ich. Seltsam, dass Irland nie eine Seefahrer- oder Entdeckernation war – obwohl sie ja eine Schiffsbaunation waren und in Belfast z.B. die Titanic bauten. Aber sie liebten offenbar zu sehr ihren Hafen.

Deswegen war der Spruch wohl auch keine Seefahrerweisheit. Ein Schiff wird gebaut, dann fährt es los und kehrt vielleicht nie zurück. Unser Leben ist dieses Schiff, der Hafen die heimische Scholle, die Familie, das vertraute Leben. Vielleicht geht es auch darum, wie man ein Jemand wird, sobald man Menschen (Ländern, Abenteuern) begegnet. Wir suchen, versuchen, entdecken – das wäre sonst kein Leben. Aber dafür müssen wir gar nicht wortwörtlich reisen oder aufs Meer hinaus fahren. Aber wir müssen, glaube ich, immer bereit sein, es zu tun.

Reihe: 6aus49 – die Bücher

Reihe: 6aus49 – die Bücher

Kurz vor meinem 50sten und mit einer Lottoscheinmetapher im Kopf entstand die Idee: 6 unterschiedlichste Dinge vorzustellen, die für mich in den vergangenen 49 Jahren wichtig waren oder sind (von Orten über Kunst bis Gegenstände). Mehr zur Idee hier.

6 Bücher aus 50 Jahren, plus SUPERZAHL. Uff… 60 wären leichter. Aber los…:

EINS: „Die Jungens von Burg Schreckenstein“. Die habe ich so ab 9 oder 10 geliebt. Jungens – mit “s” hinten dran. Die 50er / 60er Jahre waren nicht so weit weg und sind auch in den Büchern noch spürbar – wenn auch schon die neue Zeit durchschimmert. So fiel irgendwann auch das “s” weg.
Worum ging es? Kinder einer Internatsschule, die frech sind, die eigen sind, nicht nur folgsam, brav und fleißig, Lehrer, die etwas zu sagen haben und als Action im Buch fast schon harmlose, immer keusche Streiche und Abenteuer.

Es ging in den Geschichten immer auch um Ehrlichkeit, Verantwortung und Kameradschaft. Alles „Tugenden“, die in der Nazizeit gern und oft für alles mögliche herhalten mussten und die der Autor (geboren 1921) sicher erlebt hat. Hassencamp münzt diese Tugenden in seinen Büchern aber zu Freundschaft und Gemeinschaft und Vertrauen um – was nun wieder Eigenschaften sind, bei denen Freiheit und Offenheit geradezu lebenswichtig sind. Und so lasen die Bücher sich damals.

Ich wollte damals sogar in meiner Schule einführen, dass freiwillig niemand von anderen abschreibt und die Lehrer uns darin vertrauen und während der Klassenarbeit den Raum verlassen. Einfach, weil man auf Schreckenstein sagte, die eigene Leistung sei ermogelt nichts wert… Die Idee scheiterte nicht nur an den Klassenkameraden.
Da wusste ich aber auch noch nicht, dass es im deutschen Schulsystem (bis heute) genügt, auf den Punkt lernen, dann zu vergessen, nachzuplappern und auswendig zu lernen, um hernach gute Noten zu bekommen. Und dass die bequeme Lüge eben oft das gleiche Ergebnis bringt. Man darf danach dann nur nicht mehr dran denken. Der Gedanke aber, dass Literatur Handlungsanweisungen fürs Leben bereithält, blieb von damals hängen.

ZWEI: Vom Internat ging es als Kind der 1980er direkt in die Stephen King Phase: ES, Friedhof der Kuscheltiere und vor allem Brennen muss Salem – und fast alles, was noch kam, auch die Science Fiction Bücher wie Todesmarsch oder Running Man.
Bei der Lektüre war ich oft gezwungen, nachts das Licht am Bett anzulassen oder zumindest so lang zu lesen, bis alles gut endete.
Kings Bücher verbinde ich mit der gemusterten Frotteebettwäsche meines Kinderzimmers, der grünen Fanta Flasche neben dem Bett (ja, ich hatte viel Karies!) und langen, leeren Sonntagnachmittagen, die mit King Sinn bekamen – bevor ab 17.50 Uhr Ein Colt für alle Fälle begann und irgendwann Freundinnen ins Spiel kamen.
Als dann die Verfilmungen entstanden und durch die Bank (bis auf Shining und Stand by me) eine Enttäuschung waren, verstand ich zum ersten Mal, dass auch das tollste Buch als Film nicht funktionieren muss. Überhaupt, dass die scheinbar gefällige Kunstform Film, die ja alles für den Konsum und das Gefühl mitliefert, höchstens über zwei Ecken mit Büchern verwandt ist.

Stephen King halten viele immer noch für einen Unterhaltungsautor oder Horrorschriftsteller. Seine Büchern sind jedoch voller großer Themen und Anspielungen: Trauer, Melancholie, Verlust, Depression, Midlife-Jugenderinnerungen und Kleinstadtwelten, die über Amerika genau so viel erzählen wie die Bücher von Jonathan Franzen oder Philip Roth.

DREI: Mit 17 oder 18 kam erst eine Hermann Hesse und dann, mit vielleicht 20, eine Paul Auster Phase. Beide Autoren animierten mich, selbst zu schreiben. Tagebuch schreibe ich zwar seit ich 11 bin, aber sich etwas auszudenken, eine Geschichte zu erfinden, das schien mir lange so fern, wie der Wunsch, als Navajo Medizinmann zu leben oder wie Larry Bird oder Michael Jordan Basektball zu spielen. Aber mal ein Gedicht oder einen Dialog in einer kurzen Szene zu schreiben, dazu wurde ich durch Austers Bücher ermutigt. Das war dann zwar fast alles Mist, aber darum ging es nicht. Seitdem trage ich immer ein Notizbuch bei mir.

Paul Austers Meisterwerke sind für mich Leviathan und Moon Palace.
Leviathan verbinde ich bis heute mit meinem ersten Zimmer in Berlin Schöneberg mit Kachelofen, mit einem unfassbar kalten Winter und Erinnerungen an eine Reise in die USA mit meinem besten Freund einige Monate zuvor – auf Autofahren dort, einen angefahren Hund, den wir erschiessen mussten, auf Städte im Nirgendwo und New York New York – vom Buch in meine Erinnerung und zurück nach 1995 – während ich auf meinem bevorzugten Leseplatz auf dem Futonbett liege oder auf einem unbequemen Caféhausstuhl im Obst&Gemüse, Oranienburger Straße, hocke.

Moonpalace dagegen ist Vor-Ort Lektüre geworden, fast schon eine Spiegelung des Romans im Reallife: Gekauft in NY 1996, signiert von Auster auf einer Lesung im Washington Square Park und dann gelesen auf meinem mehrmonatigen VW Bulli Trip zur Westküste – durch alle US Klischees und Fantasien und Freakwelten, die man sich denken kann: sternenstrahlende Prärienächte, Naturwunder aller Art, Motorradtreffen, Hippiekommunen und Indianerreservate, riesige Malls, Einsamkeit, Zweisamkeit, Gemeinschaft. Einer Reise wie die von Marco Stanley Fogg durch die Städte, den weiten Westen, durch Bücher und Zufälle hinein in sein Leben, das für mich nach meiner Reise auch eine andere Wendung nahm. Mich überzeugte, im Schreiben Glück zu finden – völlig unabhängig davon, ob es je jemand lesen wird. Und so ist es immer noch.

VIER: Zwei schmale Bändchen von Michael Ondaatje fallen mir immer ein, wenn es um bleibende Lektüreeindrücke geht. Buddy Boldens Blues und The collected works of Billy the Kid. Ondaatje kennen alle nur als Autor von Der Englische Patient – seine frühesten fragmentarischen, eigenartig collagierten, schmalen Bücher sind ganz anders toll.

Ich weiß nicht mehr, ob ich meinem besten Freund oder er mir eines der beiden schenkte. Aber wegen der Gespräche mit ihm und unserer ungelenken Versuche, diese Bücher zu verstehen oder zumindest zu verstehen, was sie mit uns machen, stehen sie für mich für die Kraft der Literatur, Menschen zusammen und zum Nachdenken zu bringen. Um von einem Text angestachelt sich gegenseitig zu befeuern mit Ideen – wie Jazzmusiker in einem Konzert mit ihren Soli, noch eine und noch eine Assoziation und Idee anfügen.

Ich weiß gar nicht mehr, was genau in den Büchern passiert (so geht es mir mit den meisten Romanen allerdings), aber ich spüre noch die Gespräche bei viel Bier über sie und was sie mit dem Leben, unserem Leben zu tun hatten und haben, mit Liebe, Lust, Vergänglichkeit, Freiheit und Tod. Und ich lernte, wie Sprache auch ohne nacherzähltaugliche Geschichte, in der schon ihr Drehbuch steckt, Kraft und Tiefgang erzeugen kann. Durch Worte eine Welt erschafft, die nicht auf Handlung, sondern auf Wahrnehmung basiert. Wie ein Gedicht, das den Leser immer wieder nur auf sich selbst zurückwirft und ihn in die Welt hineinstellt, statt ihn wie ein unterhaltsamer, spannender Krimi aus ihr herauszunehmen.
Wenn ich genau wissen will, wo ich gerade, wer ich gerade bin, lese ich Ondaatje. Oder W.G. Sebald. Oder Knausgard. Oder Gedichte.

FÜNF: Während einer zweischneidigen Beziehung in Berlin, wohnhaft in einer WG mit drei Frauen, und kurz vor einer Entscheidung, die sich anfühlte wie „für den Rest des Lebens“, stieß ich auf James Salters Buch Lichtjahre. Eine Ehegeschichte (wieder USA, ich bin da eindeutig befangen, was den westlichen Blick und anglo-europäischen Kulturraum und auch die Affinität zu Middleclass Geschichten angeht!), die frühen 60er und 70er Jahre. Klingt erstmal nicht aufregend. Und außer normales Leben passiert auch nicht viel. Oder sehr viel.
Die Prägnanz der Sprache, die Nüchternheit, die erst Glanz und Glamour und viel shiny Oberfläche schildert, bald Sexpraktiken und Verrat und tiefstes Glück und Trauer, Lügen und Schmerz – das hat mich damals erst umgehauen und dann geradezu verrückt gemacht. Wie kann jemand so schreiben?
Habe dann Anfang der Nullerjahre innerhalb von ein paar Monaten alles gelesen, was von Salter veröffentlicht war – und fand diesen Sound, dieses Gefühl sowohl in der Bergsteigergeschichte Solo Faces, in den Kurzgeschichten, in seiner Autobiografie Burning the Days und zehn Jahres später in seinem allerletzten Roman, All that is von 2013, den er mit über 85 kurz vor seinem Tod schrieb – und der genauso scheißgut ist, wie alles andere von ihm. Beängstigend.

Lichtjahre jedenfalls trieb mich wochenlang um. Wenn alles Schöne irgendwann stirbt, wenn das bloße Vergehen der Zeit Familie und Liebe zerstört, was soll man dann tun – stattdessen tun? Etwa nicht lieben. Nicht weitermachen? Die Figuren im Buch haben Angst vor dem Abschied von der eigenen Jugend – und machen aber weiter, verlieren Nähe und Glück, bis sie nur noch die Mauern ihrer Häuser und Apartments und Erinnerungen haben. Heute wohl nicht seltsam, dass mich das kurz vor meinem 30sten Geburtstag anrührte.

Ich war mit dem Studium fertig, stand vor einem Leben als tüchtiger Erwachsener und in einer gerade beginnenden Beziehung, die von Anfang an kein Glück, aber zumindest Gemeinsamkeit versprach. Ich war noch eher jung, verstand aber genug, um berührt zu werden. Heute mit fast 50 weiß ich aber wohl erst, was Salter meinte als er über die Hauptfigur kurz vor ihrem Tod schrieb: „Ihr Leben war wie eine einzige schöne Stunde.“ Die Zeit rast und jeder erlebte Moment, wird mit seinem Verlust bezahlt. Aber deswegen zählt ja jeder Moment, mit denen, die man liebt.

SECHS: Bis heute ergreift mich The Sheltering Sky von Paul Bowles auf seltsame Weise – und das, obwohl es auch das Lieblingsbuch einer Person ist, die ich schrecklich finde. Etwas, dass mich immer verunsichert hat, wenn mir unangenehme, ja unerträgliche Menschen ein Buch toll finden, das mir auch etwas bedeutet.
Der Roman spielt in Marokko, schwelgt aber nicht im Orientalismus. Er hat stattdessen einen prae-post-kolonialen Blick auf Marokko, ganz ohne westliche Arroganz oder Wehmut. Hier treffen Westler und Nordafrikaner als Menschen aufeinander. Trotz des Alters des Romans (1949 publiziert), spricht es für die Klugheit, Offenheit und Klarheit von Bowles, dass darin kein Gefälle beim Blick auf weiße und nicht-weiße Menschen und ihre Kultur zu spüren ist. Eher lesen wir von selbstbewussten Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft unterschiedliche Entscheidungen treffen. Getrieben von dem, was sie erstreben oder wovor sie davonlaufen, wem sie gehorchen oder gegen was sie rebellieren. Und das Bild von dem schützenden Himmel, hinter dem der kalte Weltraum wartet, prägte sich mir ein.

Kitschiger ist die Filmfassung geraten, in der der edle, wilde Berber mit den tollen Augen am Ende die schöne weiße Frau in eine King-Kong artigen Beziehung zieht. Wie bei Salter wird auf unerbittliche Art von Beziehung und Tod erzählt, von unerfüllten Wünschen und Träumen in Bewegung. In mir löste das Lesen damals ein Ziehen im Bauch aus, das als Erinnerung bis heute nachhallt, sicher 20 Jahre später. Eine unlösbarer Mischung aus Fern- und Heimweh, die mich immer begleitete und in diesem Buch kondensierte. Ich muss nur den Umschlag im Regal sehen und das Ziehen ist wieder ein bisschen da. „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen“, sagte der gute Nietzsche.

SUPERZAHL: “Alles Licht, das wir nicht sehen” von Anthony Doerr ist die Superzahl, weil es für etwas steht, das bei der Lektüre der ersten 6 Zahlen noch nicht zu meinem Leben gehörte. Eigene Kinder. Eine eigene Familie. Habe (ohne es zu merken vermutlich) viele Familiengeschichten seitdem anders gelesen. Hatte Vaterrollen anders verstanden, oder missverständen und vielleicht überhaupt erst verstanden.
Würde ich beispielsweise heute nochmal “Die Korrekturen” von Jonathan Franzen lesen, wäre das eine andere Geschichte. Aufs Vatersein bereiten einen auch 100 Romane oder Familienfilme nicht vor.

Doerrs Buch ist gar kein Familienroman und mir doch für immer für “Vater&Kind” in Erinnerung. Was weniger am Inhalt, sondern eher an dem Augenblick liegt, als ich das Buch schloß. Sommer 2015, Italien…

Zunächst erzählt Doerr über 530 Seiten von einem Mädchen, das ohne Vater, im Haus des exzentrischen Onkels und dessen Haushälterin die Besatzung durch die Nazis zu überstehen versucht. Und erzählt vom naturtalentierten Radio-Techniker Werner, Waise aus dem Ruhrgebiet, dann Napola-Eliteschüler, mit maximaler Anpassungsfähigkeit und Gefallsucht ausgestattet, der am Ende zwangsrekrutiert wird für die Wehrmacht und Piratensender der Partisanen aufspürt. Die beiden Figuren näherns sich ohne von einander zu wissen allmählich an und kommen sich am Ende sehr nah.

In zwei Epilogen wird die Vergangenheit bis in die Gegenwart verlängert. Die Gegenwart, das war dann auch mein Moment in der Toskana, der Augenblick, als ich aufschaute, dabei noch das Bild im Kopf, wie die alte Frau (das Mädchen von damals) durch Paris davongeht. Gleichzeitig stand meine Tochter, gerade vier Jahre alt, vor mir im Sonnenlicht, lächelnd, mit Sand vom Strand auf der Nase und noch nassen Haaren. Sie beobachte mich auf dieser Holzbank, wo ich die letzte Stunde gelesen hatte. Und das war der Moment. Ein Augenblick augenblicklich dabei, sich in der Zeit aufzulösen. Mir fiel ein, wie einen Tag zuvor mein Sohn plötzlich losgerobbt war und sich über den Steinboden in dem alten Bauernhof, in dem wir wohnten, auf Richtung Tür gemacht hatte.
So schufen die letzten Bildern der Geschichte vor meinem inneren Auge, der Anblick meiner lächlenden Kleinen und die Erinnerung, wie mein Sohn hinaus ins Leben wollte, einen gemeinsamen Moment. So sehr jetzt und hier und flüchtig und herrlich und zugleich traurig, dass mit die Tränen in den Augen stiegen. Ich weiß bis heute, wie meine Tochter sich anfühlte (aufgeheizt von der Sonne) und wonach ihre Haare rochen (einem Feldweg nach dem Regen) und wie ich mich fühlte: Am Leben. Im Leben. Angekommen.
Bücher können Türen öffnen, die man nie wieder zubekommt.

Weitere wichtige Bücher waren:

Richard Ford: Die Bascombe Romane Sportreporter, Unabhängigkeitstag, Die Lage des Landes, Let me be Frank
Atonement von Ian McEwan
Das indische Nachtstück von Antonio Tabucchi (ein so feines, kompaktes, kluges und tiefsinniges Buch)
Die Romane von Ralf Rothman, besonders Milch und Kohle
Richard McGuire: Hier – Graphic Novel fast ohne Text, die vom Leben und Sterben erzählt wie kein anderes Buch
Jahrestage von Uwe Johnson (gelesen Jahrhundertsommer 2003 in Paris, während drückender Tage und schlafloser Nächte)
Der Adler der 9. Legion (bei dem ich, weil so begeistert, erreichte, dass wir es als Schullektüre in der 8. Klasse lasen und das ich als Gutenachtgeschichte in freier Form meinen Kindern erzählt habe auf einer langen Reise)
Generation X (natürlich in all dem geballten Wutrant und einer Kulturtkritik, ganz ohne Internet, von der trotzdem vieles heute noch immer gilt)
Dos Passos USA Trilogie
Karl-Ove Knausgard: Kämpfen / Lieben / Träumen (auf knapp 3000 Seiten Einblick in ein fremdes Leben, dessen Gedanken über sich und Unfähigkeiten und seltsame Entscheidungen erstaunliche Gemeinsamkeiten aufwies und kluge Hilfe im profanen, normalen, unscheinbaren Leben bot)
Rainald Goetz grandioses Johann Holtrop, diese west-deutsche Win&Wahngeschichte
Denis Johnson Schon Tot
Ernst Augustin Raumlicht (mein erster deutscher Roman mit bleibenden Folgen)
Christoph Ransmeyer Die letzte Welt
Nicholson Baker: Eine Schachtel Streichhölzer (ein Buch, das die Einfachheit feiert, den Alltag und den Blick auf die kleinen und kleinsten Dinge lenkt, die das Leben ausmachen – neben den wenigen großen Momenten)
Ralph Ellison Der Unsichtbare Mann.

6aus49 – Intro zur Reihe

6aus49 – Intro zur Reihe

Als ich dieses Jahr 49 wurde, meinte ein Freund, „Jetzt ist die letzte Zahl auf dem Lottoschein erreicht.“ Wohl wahr.
Die Chancen beim Lotto zu gewinnen, sind 1 zu 140 Millionen. Diese Wahrscheinlichkeit gibt es auch an anderen Stellen: Wo man aufwächst, wen man trifft, in wohin es einen zur Ausbildung, zum Studium zieht, die eigenen Gene, welche Dinge uns begegnen. Mit Dinge meine ich Kunst, Fotos, Filme, Bücher, Vorbilder, Konzerte, Platten, Gespräche.

In 6aus49 möchte ich 6 meine liebsten oder wichtigsten oder erinnerungsstärksten Dinge aus unterschiedlichsten Sphären vorstellen: Fotos, Filme, Songs, Alben, Ausstellungen, Bücher, Augenblicke, Reisen, Begegnungen, Orte, Niederlagen, Fehler, Erkenntnisse und Zitate – und was mir noch alles einfällt, das Geschmack geschult, Ideen gefestigt, mich beeinflusst und mein Denken vorangetrieben hat.

Auch wenn wir es gern anders hätten und auch noch viel lieber anders erzählen (nämlich als „Entscheidungen“ für oder gegen etwas), ist das meiste doch vom Zufall bestimmt. Selbst unser vermeintlich individueller Geschmack, unsere spezielle Meinung, ja sogar unsere Präferenzen für Orte, Sportarten, Tische und Farben ist – wie Amazon, Spotify und Facebook zeigen – sehr leicht einer Gruppe von weiteren Dingen zuzuordnen. Dingen, die man uns verkaufen möchte – und kann. Wir sind außerdem Kind einer Zeit, eines Ortes, einer sozialen Schicht, eines Geschlechts und kultureller Zusammenhänge. Nichts ist leichter als daraus Gemeinsamkeiten zu filtern.

Den vermeintlich speziellen Geschmack zu entschlüsseln, ist nur eine Frage des Algorithmus. Und wir helfen den Internetriesen tüchtig mit Likes und Shares und Kommentaren – und bekommen so zunehmend mehr vom Gleichen angeboten.
Das werden die (Konsum/Meinungs/Geschmacks)Bubbles, in denen wir leben – in denen wir allerdings auch schon vor dem Internet gelebt haben.

Auch vor Internet hatte jedes Milieu seine Kleidercodes, seine Lokale, Reiseorte, Produkte, Sportarten, Zeitungen, Musikstile und Sprache. Vielleicht kochten wir sogar noch mehr in der eigenen Sauce als heute, wo all die anderen, teilweise unvorstellbar anderen Milieus und Meinungen und Perspektiven und Orte und Produkte und Rezepte und menschlichen Regungen nur einen Klick weit weg sind – von sexuellen Fetischen bis zu Fanseiten von Zierschweinhaltern oder ein neo-kommunistisches Manifest, eine chilenische Fischsuppe oder ein Diskussionsforum zu Golf GTI Auspuffrohren.

Geschmack. Eie Prägung aus Umfeld und Genen, Moden, Trends. Aber auch diffuse Dinge wie Körpergefühl, kollektive Stimmung, externe Ereignisse und Zufallsbegegnungen. Dazu gibt es diese winzigen Zeitfenster, in denen uns zum richtigen Moment ein Lied oder Buch oder Kunstwerk begegnet, das uns fortan als Erinnerung begleitet. Die bleibenden Momente, die aus Kunst entstehen, kennt jeder von aus der “Musik-meiner-Jugend-Nostalgie”, den Fernsehserien der Kindheit, bei mir aber auch z.B. mein erster Tarantino Film (Pulp Fiction) oder der Augenblick, als ich zum ersten Mal Nirvanas Smells like Teen Spirit gehört habe: Durchstraße Dortmund, Fahrtrichtung Höchsten, 9 Uhr morgens nach einer Nachtschicht im Rettungswagen. Sofort gewusst: Die Musik gehört mir.

6 Dinge werden das also werden, die meine 50 vergangenen Jahre besonders gemacht haben. Und wenn ich auch nur Teil einer Alterskohorte und eines Zeitgeists bin, so gehören die hier bald versammelten Dinge in dieser Kombination, mit diesen Erinnerungen und Erzählungen ganz allein in mein Leben. Glaube ich zumindest. Wenigstens ist es eine Geschichte – wörtlich verstanden.

Warum Kreatives Schreiben – letzter Teil

Warum Kreatives Schreiben – letzter Teil

In diesem Zusammenhang ein paar Evergreens der Ratgeberliteratur:

1: Schreib was du kennst (deswegen vermutlich die vielen stark autobiografischen Bücher). Aber wie erklärt sich dann das Gerne Science Fiction oder Krimi oder historische Romane? Sind die Autoren Mörder, Raumfahrer oder Zeitreisende? Sicher nicht. Es geht beim Schreiben viel mehr um etwas anderes, als bloß das, was man kennnt. Eher sogar darum, was man kennenlernen möchte!

2: Schreiben ist Handwerk, also faktisch von jedem erlernbar. Mal eben besser, mal eher nicht. Wie erklärt sich aber dann, dass nur etwa 5% der Absolventen all der Schreibschulen und Schreibseminar und Schreibstudiengänge später Autor werden? Viele Autoren schaffen ein Buch, dann keines mehr. Und warum hört man von so vielen tollen Ideen für Romane, aus denen aber doch nie ein Buch wird? Weil auch um etwas anderes geht beim Schreiben. Ums Weitermachen.

3: Die drei wichtigsten Regeln für eine gute Geschichte: Konflikt, Konflikt und Konflikt. Wer dieser (vor allem US-amerikanischen) Regel folgt und damit Gut gegen Böse, Imperium gegen Rebellen, Cowboy mit weißem Hut gegen den mit dem schwarzen Hut oder Bruce Willis gegen die Bösen meint, sieht nur einen kleinen Teil. Konflikte können z.B. auch sehr innerlich sein – oder kaum spürbar, wie in einigen Murakamibüchern. Oder sie sind teilweise undurchschaubar wie bei Kafka oder Uwe Johnson, oder schon esoterisch wie bei Hesse oder Carlos Castaneda, oder nur als Erklärung im nachhinein zu erkennen, weil auf keiner Seite des Buchs irgendwer gegen irgendwen kämpft – nichtmal gegen sich selbst – wie bei Handke oder W.G. Sebald oder in frühen Büchern von Ondaatje oder oder oder.

Was stimmt ist:

#1 Alle (na gut, sagen wir 80% der Leute) können gute Literatur erkennen (spüren), wenn sie sie lesen. Aber selbst wenn wir sie spüren, können wir sie nicht verstehen im Sinne von “nachbauen”. Nur indem wir Regeln wie den oben genannten folgen oder sie nach Bausatz zusammenfügen, entsteht noch keine Geschichte, die fliegt. Ja, Plot, Konflikt, Dialog, Themenwahl sind Hinweise und Zutaten, aber weder Herz noch Skelett einer guten Erzählung

#2 Nur wer viel liest, kann schreiben. Aber wer beim Schreiben nicht aufhört zu lesen, wird nur etwas schreiben, das nach jemand anderem klingt. Die berühmte „Stimme“ oder der Sound, gelingt vielleicht erst bei der fünften oder zehnten Geschichte. Dafür muss man ganz viel lesen und dann allein weiterreisen.

#3 Nur wer sitzen bleibt, jeden Tag, wird irgendwas von Wert fertig bekommen. Wert heißt hier, etwas interessantes, gut geschriebenes, vielleicht sogar eigenwilliges. Selbst wenn kaum jemand diese Texte dann liest, ist man ein Schrifsteller, eine Schriftstellerin.

Seminare wie das, was ich vorhabe, sind also eher Reiseführer. Sie weisen in eine Richtung, geben Tipps, öffnen Möglichkeiten, bieten eine Weile eine Stütze. Losfahren, suchen, sich verlaufen und dann finden (vielleicht auch, was man gar nicht gesucht hat) muss man allein. Klar kommen vor Ort=am Schreibtisch, im Text, nach dem Text auch. Wie echtes Reisen hat Schreiben ja nichts damit zu tun, Orte abzuhaken und Fotos vor Kulissen zu schießen , sondern mit Entdecken, unverwechselbar eigenes finden und spüren und riechen und erstaunt sein – auch mal über sich selbst. Wobei ein Reiseführer am Anfang helfen kann – wie ein Schreibseminar beim Schreiben.