Kreation & Depression – Kreative als Selbstmordkommando

Kreation & Depression – Kreative als Selbstmordkommando

Das Buch Menke/Rebentisch (Hrsg.): Kreation und Depression – Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus ist ein Sammelband über die Frage, wie arbeiten wir heute, oder genauer: wie lässt uns der Kapitalismus in seiner gegenwärtigen Form arbeiten, besonders in den so genannten kreativen Berufen (und damit sind eigentlich selten Künstler gemeint). Kreativwirtschaft, oder wie es zwei Autoren nennen: „la cité par project“, das sind die die Projektritter in Wissenschaft und Kultur, die Netzwerker vor dem Herrn und Zeitverträgler dieser Welt. Sie sind die Speerspitze der Flexibilät und Bewahrer der kapitalistischen Dynamik.

Allem voran haben die Herausgeber (natürlich) den Franzosen Deleuze gestellt, der mit granatenhaften Sätzen auf das Kommende einstimmt. So z.B. diesen: „Man bringt uns bei, dass Unternehmen eine Seele haben – was wirklich die größte Schreckensmeldung der Welt ist.“ Sehr schön. Aber wie man dann weiter liest, ist es noch viel schlimmer!

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Warum und wie wird einer Schrifsteller? – Haruki Murakamis Buch “Von Beruf Schriftsteller”

Warum und wie wird einer Schrifsteller? – Haruki Murakamis Buch “Von Beruf Schriftsteller”

Dieses Buch ist die Selbstauskunft eines Autors, der ansonsten kaum öffentlich auftritt und sich selbst einem rigiden System aus Schreiben und Laufen unterworfen hat. Schon sein Buch „Wovon ich spreche, wenn ich vom Laufen spreche“ (Titel eine Anlehnung an ein Buch des von Murakami hochverehrten Raymond Carver), erzählte er vom Aufstehen um 5 Uhr morgens, dann Schreiben, dann Sport und der Rest des Tages mit dies und jenem verbringen und früh ins Bett. Anders will er nicht leben, anders kann er nicht schreiben. Aber warum schreibt er, was findet er schreibenswert, wie findet er seine Ideen, was hält er von anderen Autoren und wer sollte überhaupt Schriftsteller werden? Davon erfährt man ein wenig, aber nicht so viel, wie mancher vielleicht erwarten mag. Es ist ein Buch für Schreibende und Hardcore Fans.

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Wir sind aus Geschichten – wie aus Lesern Autoren werden und warum

Wir sind aus Geschichten – wie aus Lesern Autoren werden und warum

Schreiben hat ganz viel, sehr viel, eine Menge – ich sage es gern nochmals: unheimlich viel mit Lesen zu tun. Und es hat mit Orten zu tun. Und mit der Tatsache, dass alles, die ganze Welt um uns, unser Bewusstsein, bis hin zu Werbung und Unternehmen aus Geschichten bestehen. Aus „Storytelling“, aus der einfachen Abfolge “Erst war das, dann passierte jenes und schließlich….,”. Außerdem meist aus einer Drei-Akt-Struktur, aus der Reise des Helden, aus dem Überwinden von Widerständen und der schließlichen Erlösung und Verwandlung. Das gilt seit der Antike und wird noch gelten, wenn Roboter Romane schreiben.
Ich will kurz schildern, wie Bücher und Autoren, wie Bibliotheken und “buchige” Orte auch in der digitalen Welt paradoxerweise weiter einen viel größeren Einfluss haben, als ihre schiere Zahl vermuten lassen würde. Kurz gesagt: Warum lesen, wenn man alles andere auch tun könnte? Weil wir uns und die Welt und vor allem alles aus Text verstehen lernen.

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Für an die Wand: Wie bessere Texte schreiben?

Für an die Wand: Wie bessere Texte schreiben?

Es IST kein Geheimnis und keine Kunst, gut lesbare Texte zu schreiben. Auch wenn viele Schrifsteller und Schriftstellerinnen recht damit haben, dass Handwerk allein nicht reicht, um Bücher zu schreiben, gute Bücher. Okaye Bücher vielleicht, davon gibt es inzwischen hinreichend viele, seit es Schreibschulen und Creative Writing Institute in Deutschland gibt. Und okaye Texte sind immer noch viel, viel besser als die Schlangensatz Nabelschau Betroffenheitsliteratur, diaologlos und dröge, die in großen Teilen bis in die 90er als “deutsche Literatur” galt. Alle anderen Autoren, solche die einen Plot hatten, gute Dialoge schrieben, Konflikte und sogar Humor in Ihre Bücher einflochten, galten als Unterhaltungsliteraten, also quasi “so genannte” Schriftsteller – ihre Bücher nicht ernsthaft genug, die Krone “Literatur” zu tragen.

Blödsinn wie jeder weiß, der Romane amerikanischer und englischer Autoren schätzt, die nämlich meist beides können: Sprachlich gekonnt, kompakt, spannend erzählen. Dialogreich und lebendige Figuren und dabei AUCH Metaebende, Gesellschaft und Tiefgang erzählen, den deutsche Autoren für sich reklamierten und unfassbar unlesebare Bücher dabei schufen (Die Ausnahmen wie Uwe Johnson bestätigen die Regel).

Das Titelfoto ein schönes Merkblatt für ALLE Arten des Schreibens, besonders aber journalistische oder PR-mäßige Texte, aber auch für Blogger und schreibfreudige Jungautoren als Handreichung geeignet. Und wenn man es dann kann, ist ein Bruch der Regeln auch möglich. Heftzwecke zum an die Wand pinnen oder das gegen Windstöße dort stehende Fiege Pils kann ich leider nicht mitliefern…

David Foster Wallace ist tot – immer noch

David Foster Wallace ist tot – immer noch

Modifizierter Text aus 2008

„Another man done gone“ (Sklavenlied aus den USA)

Der großartige Autor David Foster Wallace hat sich vor 8 Jahren das Leben genommen. Mit 46 Jahren war er entweder sich selbst, des Lebens oder seiner Kunst überdrüssig. Am Ende angekommen erhängte er sich. Mehr kann man nicht sagen. Und traurig sein.

Alles Spekulieren nach einer Selbsttötung, also z.B. in einer gescheiterten Beziehung, einer Depression, Drogenverwirrungen etc. den GRUND für diesen Akt zu entdecken, zeigt nur den Wunsch, ja die Hoffnung, selbst diesen letzten, sicher ganz und gar nicht rationalen Akt, doch in rationaler Weise wegzuerklären. Dann hat man seine Ruh.

Warum? Ja Warum. Camus sah den Selbstmord zwar als Loslösung von einer sinnlosen Welt: Warum leben, wenn doch alles sinnlos ist? Allerdings lehnte er ihn ab: sich umbringen hieße, dem Absurden erliegen. In der Absurdität der Existenz dagegen weiterleben, dem Absurden ins Auge zu sehen, das war für Camus die wahre Revolte. Vielleicht war Foster Wallace des Revoltierens Müde, dieser Autor, der als das größte Talent der amerikanischen Literatur gehandelt wurde, verglichen mit Delillo und Pynchon, der in in seinen Büchern die absurde Welt in allen Facetten der menschlichen Psyche und Körperlichkeit und emotionalen Abseitigkeiten darstelllte.

Seine Bücher, vor allem die Non-Fiction wie A Supposedly Fun Thing I’ll Never Do Again sind irre komisch, ob er über Kreuzfahrt geht oder über Tennis Spieler portraitiert, oder auf die größte Farmer Messe der USA fährt. Der kleine und große Irrsinn lauert überall. Das ganze Universum und seine Konstruktion schien Wallace zu interessieren und er schrieb sich dort hinein und wieder heraus. Immer wieder.
Unter der Komik und bizarren Schönheit der menschlichen Existenz, die zu entdecken er in der Lage war, lag natürlich immer auch ein Hauch von Melancholie und Schwermut.
Michiko Kakutani, die Chef-Rezensentin der “New York Times” sagte über ihn “Er kann traurig, witzig, albern, herzerweichend und absurd sein – alles mit der gleichen Leichtigkeit; er kann es sogar alles auf einmal.” Und beim Lesen war man sicher: das muss ein wahnisinnig intelligenter, wacher, unglaublich netter Typ sein, dieser Autor.

Seine Kurzgeschichten unterliegt desöfter auch ein düsterer Grundton, gespeist durch die Verstrickung des Selbst mit den Anderen, die Tatsache, dass wir im Auge der anderen entstehen und die Unmöglichkeit sich so auszudrücken, dass man verstanden wird. Wallace war wohl, was man einen postmodernen Autoren nennt: er spielte mit den Genres, die er alle beherrschte, er hielt sich an keine erzählerischen Regeln, seine Storys in Brief Interviews with Hideous Men oder Girl with Curious Hair sind weder plotgesteuert noch filmorientiert, sie sind so zerrissen und vieldeutig und dabei auf geheimisvolle Weise auf den Punkt, wie kaum etwas, das ich in den letzten Jahren las. Auch Chronologie und Sinngebung selbst begriff er offenbar als unnötige Konstruktion und wollte sie auch nicht in seinen Texten behaupten. Und deshalb war die größte Kunst seiner Texte, dass sie NICHT schwierig zu lesen sind, sondern erleuchtend, befreiend, klar und direkt – und dass alles ohne Schreibschul-Grundregeln, klare Themen oder eine Punchline. What a man!

Wie es der Zufall so will, sah ich dieser Tage auch Gus von Sant‘s „Last Days“. Eine Art Studie über Einsamkeit, Lebenskrise und Selbstmord inspiriert von jenem anderen, dessen Tod mich damals tief getroffen hat: Kurt Cobain. Van Sant‘s Film ist genau deshalb so gut und stark, weil er sich nicht aufhält mit Erklärungsversuchen oder billiger Psychologisierung einer traurigen Tat, sondern uns den Menschen suchen lässt in seinem Film, einen Künstler in der Krise, einen einsamen Mann, eine traurige Figur, die eben sich selbst, den Ansprüchen anderer oder den eigenen und auch in der Diskrepanz zwischen Selbst und Welt nicht mehr leben wollte. Oder dem einfach kein Grund mehr einfiel, zu bleiben. Was ein legitimer Grund ist. So werde ich es auch mit Foster Wallace halten. Und doch: Ich hatte mich gefreut auf ein neues Buch von ihm. Nun muss ich die alten Lesen und werde wie beim Dark Knight und Heath Ledgers bewegender Performance nicht umhinkommen, sie mit Blick auf das Ende zu lesen. Doch zum Glück sind die Foster Wallace Texte eigene Universen, die sich (auch das schön postmodern) vom Autor lösen und für sich stehen, die sprachliche Entdeckungsreisen und messerscharfe Anaylsen in einem sind. Ganz im Sinne von Roland Barthes Text: Der Tod des Autors, sind die Bücher viel mehr als nur von ihm. Nun sind sie alles, was bleibt.

Another man done gone
From the country farm
Another man done gone.
He had a long chain on
From the country farm
Another man done gone.
I didn’t know his name
They did him just the same
Another man done gone
He killed another man
From the country farm
Another man done gone.